Der junge Mann und seine Lehrerin

“Ich spiele dir jetzt“, sagt sie eines Morgens, „einen längeren Text vor.“ Ihre langen Finger verharren erwartungsvoll auf den Ein-und-Aus-Knöpfen des Recorders. „Es kann sein, dass er etwas monoton ist. Konzentriere dich und sag mir nachher, was du davon verstanden hast.“
Viel wird es nicht sein, denkt sie boshaft, als sie die Kassette einschaltet.
Leise dudelnde Jahrmarktsmusik aus einer Drehorgel erklingt.
„Tu sors avec moi ce soir?“, flüstert eine Männerstimme hastig.
« Si tu veux. » seufzt eine Frau zurück. Dann verschwimmen die Stimmen in einem Gewirr.

Sie beobachtet ihn. Er hat die Augen auf den Kassettenrecorder gerichtet. Zu Anfang möchte er etwas einwenden, aber die Musik kommt ihm dazwischen. Er winkt mit einer hilflosen Geste ab. Die Musik ist ihm, kann er sich später erinnern, gleich irgendwie vertraut gewesen. Er hätte gern etwas fragen oder Einhalt gebieten wollen. Es geht ihm zu schnell, aber jedes Mal, wenn er sich dazu aufrafft, kommt ihm die Drehorgel zuvor. Im Zimmer ist es warm, und seine Augen, die denen seiner Lehrerin aus unerklärlichen Gründen nicht begegnen möchten, so angenehm ihm das immer war, richten sich auf die Stifte, die die Kassette drehen, werden schwerer und schwerer. Er stützt den Kopf in die Hand. Von den Worten hat er gerade den ersten Satz verstanden, dann geht alles unter in einem Gemisch fremder Laute. Er macht die Augen nicht mehr auf, überlässt sich in unsäglicher Erleichterung dem Schlaf.

Sie wagt nicht, sich zu bewegen. Er hat die Augen jetzt geschlossen. Sein Gesicht liegt in seiner Hand. Sie möchte ihn am liebsten nur beobachten, aber unwillkürlich schiebt sich ihrer Oberlippe zurück, und sie spürt die Luft anregend auf ihrem Zahn. Der beginnt, sich gierig in ihr eigenes Fleisch zu bohren. Das will sie ja nun doch nicht. Schläft er nun oder nicht? Sie bläst ihn vorsichtig an. Er zuckt nur leicht mit den Nasenflügeln. Ein Sonnenstrahl springt ihm kurz auf die feuchten, dunklen Wimpern. Auch das weckt ihn nicht auf. Da beugt sie sich vorsichtig zu ihm hin. Ihr Atem berührt seinen Hals. Er reagiert nicht. Schläft tief und fest, die Kassette schnurrt weiter. Sie streckt die Zunge heraus, fährt sich kurz über die eigenen Lippen, das macht sie geil, dann leckt sie über seinen Hals. Er stöhnt im Schlaf leicht auf. Sie leckt wieder und wieder. Er vergräbt sein Gesicht mit einem wohligen Aufseufzen in seinem Arm. Da setzt sie ihre Lippen an seinem Hals auf, nimmt mit dem Zahn seine Haut. Die ist butterweich und sofort offen. Das Blut fließt warm an der Zunge entlang in den Mund. Ein Schauer durchfährt sie, als sie es zum ersten Mal hinunterschluckt. Es ist süß und hinterlässt einen angenehmen, leicht kratzenden Geschmack in der Kehle. Sie hat eine Hand zärtlich an seinen Nacken gelegt. Ihre Finger verschwinden in seinem Haar. Sie saugt mit geschlossenen Augen. Als würde sie sonst verdursten, zieht sie den Geruch seines Blutes und seines Parfums tief ein, ihr Herz klopft rasend schnell. Sie ist bis zur Betäubung berauscht, die Zeit scheint stillzustehen.

Da ist die Kassette plötzlich aus. Die Taste springt mit einem Knall zurück. Sie zuckt weg von ihm, hält sich die Hand schützend vor den Mund, denn seine Lider beginnen zu flattern. Er schlägt die Augen auf. Sein Blick fällt auf ihr verstörtes Gesicht. „Was ist?“ Er richtet sich jetzt mit einem Ruck auf und schüttelt sich. „Hab ich wirklich geschlafen, jetzt?“ Er ist verlegen.
„Nur kurz. Du bist gerade eingenickt, wie die Kassette abgeschnappt ist.“ sagt sie höflich.
Er fährt sich unwillkürlich mit der Hand zum Hals, tastet nachdenklich die Stelle ab, an der sie gerade gelutscht hat. „Ich glaub, mich hat da heute Nacht etwas gebissen…“ sagt er erläuternd zu ihr. „Sogar im Frühling fangen sie schon an, diese Viecher …“
„Zeig einmal!“ Sie beugt sich zu ihm wie eine Ärztin. „Ist nicht so schlimm. Ein kleiner Stich … das trübt deine Schönheit nicht“, lacht sie. „Also komm … jetzt sag mir, was du von dem Text verstanden hast … schnell, wir haben noch viel vor.“
Er weiß gar nichts mehr. Sie spielt ihm die Stelle, jetzt laut kommentierend, noch ein paar Mal vor. Dann steht sie auf, sucht neues Material. Sie federt zufrieden, fast übermütig auf und ab, als sie die Bücher aus dem Regal holt. Gerade, dass sie nicht vor sich hin summt.

Er folgt ihr verwirrt mit den Augen. Er ist todmüde. Noch immer. Obwohl er jetzt geschlafen hat, sind seine Lider bleischwer. Seine Augen bringen gerade noch so viel Kraft auf, ihr ins Gesicht zu schauen, die Bewegung ihrer Lippen nachzuvollziehen, wenn sie spricht. Er schaut ihr halb bewusstlos zu, wie sie die Bücher heraussucht, aufschlägt, ihm Bilder vorlegt. Er schafft es nicht, sich auf irgendetwas zu konzentrieren, und der Insektenbiss am Hals tut mehr und mehr weh. Eine Biene? Um diese Jahreszeit? Und warum hat er das nicht schon am Morgen gespürt? Es ist ja so, als ob dieser Sekundenschlaf den Schmerz erst richtig herausgebracht hätte. Er hört nur mehr halb zu, als sie ihm die Verbformen erklärt, und ist froh, als die Stunde vorbei ist. Zu Hause wird er sich gleich hinlegen oder er schwimmt ein paar Runden im hauseigenen Hallenbad, damit er wieder lockerer wird. Vielleicht ist er auch einfach nur körperlich verkrampft. Solche Intensivkurse sind doch anstrengender, als er gedacht hat.
„Also morgen“, sagt sie, als sie ihm zum Abschied die Hand drückt, „musst du dich schon mehr anstrengen, sonst kommen wir gar nicht weiter.“
„Es ist so – ich hab heute Nacht kaum geschlafen, weil ich tanzen war.“
„Das geht natürlich nicht mehr. Tanzen! Da wirst du dich etwas zurückhalten müssen, solange du zu mir kommst. Ich möchte dich bei Kräften haben.“
Die letzten Worte kommen ihr ungewollt schneidend aus dem Mund, und so lacht sie schnell herzlich auf, um den Eindruck wieder wettzumachen.
Als er weg ist, läuft sie vor Freude zum Plattenspieler, legt angenehme Musik auf, wirft sich zufrieden aufs Sofa und atmet tief durch. Absolute Spitze, dieser Junge mit der glatten Haut, die sich noch dazu so leicht öffnet, mit dem weichen Fleisch, das so schnell sein frisches Blut abgibt! Und morgen wieder und übermorgen und noch fünfzehn Tage lang. Sie legt sich vor Aufregung die Hand auf ihr Geschlecht, drückt mit den Fingern ein bisschen daran herum. Das versetzt sie erst recht in Aufruhr. So schiebt sie sich langsam den Rock hinauf, streichelt die Schenkel dabei, tastet sich ans Höschen, fährt mit dem Finger mitten zwischen die Schamlippen, betupft sich die Klitoris, die gleich wild zu zucken anfängt. Der Junge wird ihr noch herrliche Stunden bescheren. Sie sollte ihm allerdings etwas von ihrem guten Kräutertee anbieten, damit er in solchen Augenblicken ja nur ruhig weiterschläft. Bei diesen Gedanken treibt sie sich zum Höhepunkt und geht dann vergnügt anderen Arbeiten nach.
Der junge Mann jedoch verspürt an diesem Abend leichtes Fieber. Seine Mutter, die ihn gut in die Decken wickelt, findet das als Reaktion auf einen Bienenstich normal. Zum Lernen hat er diesmal nicht den Kopf. Er dämmert vor dem Einschlafen noch leicht vor sich hin und denkt sehnsüchtig an seinen allabendlichen Waldlauf, auf den er heute verzichten muss. Gleichzeitig versucht er, sich den Text in Erinnerung zu rufen, den er heute Vormittag gehört hat, doch dies will nicht gelingen. Stattdessen taucht wie ein schlechtes Gewissen ein unangenehmes Gefühl in ihm auf, bei dem Gedanken, dass er in der Sprachstunde eingeschlafen ist, und ein eisiger Hauch streicht plötzlich um seinen Hals, sodass er schnell den Schal und die Decke fester um sich zieht. Er ruft nach seiner Mutter und verlangt noch etwas Tee. Als sie mit dem Getränk wieder kommt, schläft er schon fest. (…)

VII
Der Abend zieht herauf, er sitzt mit den anderen am Tisch und fühlt sich wie durch einen Nebel von ihnen getrennt. So nimmt er die erste Gelegenheit wahr, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, und stellt sich dort fröstelnd vor den Spiegel. Er kann an sich nichts Auffälliges bemerken, sosehr er sich auch abmüht. Vielleicht sind die Stimmen der anderen schuld daran. Sie dringen von unten zu ihm ins Zimmer und lenken ihn ab. Er wird richtig ärgerlich darüber, dass von seiner Familie so viel zu hören ist. Er hasst sie auf einmal mit ihrem kindischen Gelächter, ihren Rufen, die ihn daran hindern, sich mit sich selbst zu beschäftigen, ihn von dem ‚Wirklichen’ abbringen. Von dem Wirklichen? Was soll das nun wieder heißen? Er wird stutzig. Was redet er da für dummes Zeug vor sich hin? Es ist doch alles ‚wirklich’. Was hat die Familie damit zu schaffen? Andererseits, sie mischen sich wirklich in alles ein, lassen einen nicht in Ruhe. Sollen sie doch endlich schlafen gehen. Er hat große Lust, die Tür aufzumachen und alle so richtig anzubrüllen. Vor Wut beißt er sich auf die Lippen. In seinen Augen flackert es unruhig, als er sich im Spiegel erblickt. Einer der Vorderzähne scheint plötzlich etwas länger als die anderen zu sein und gräbt sich tiefer in sein Fleisch. Ein Blutstropfen erscheint, er schließt schnell den Mund, leckt sich die Lippen ab, verteilt das Blut zwischen Gaumen und Zunge. Als er es hinunterschluckt, kommt der Schmerz im Nacken wieder. Auch die Angst taucht wieder auf. Er setzt sich entmutigt in seinen Lehnstuhl. Wie oft hat er da in den letzten Wochen gesessen, umklammert von dem Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt, und unfähig, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

Fast ist er froh darüber, dass er sich für Minuten nicht im Spiegel betrachten muss. Der Stuhl steht seitlich davor. Im Spiegel ist jetzt die Bibliothek an der gegenüberliegenden Wand sichtbar.

Vielleicht sollte er an gar nichts mehr denken, sich einfach in den Schlaf fallen lassen. Den Kopf hat er ja schon in die Hand gestützt, so wie … so wie damals, als … was heißt da damals? Den Kopf in die Hand gestützt haben, und dann kommt plötzlich, auf unerklärliche Weise, der Schlaf, mitten am Tag. Ein Schlaf, in den sich Stimmen mischen, fremde Laute, verworren, und dann ist ein Mund an seinem Hals, der sich dort festsaugt, sein Fleisch öffnet. Sein Blut beginnt zu strömen. Er spürt deutlich, wie es aus seinem Hals rinnt, wie dieser Mund es in sich einzieht. Das Gesicht, das zu diesem Mund gehört, will er nicht sehen … er will nicht wissen, wer. .. er versucht schnell, an etwas anderes zu denken, wie bisher alle Gedanken wegzuschieben. Es gelingt ihm nicht. Er will seine Ahnung nicht wahrhaben und weiß schon längst, dass er dagegen nicht ankann, und schaut jetzt ohnmächtig in zwei graue Augen, die er genau kennt, die er in den letzten Wochen beinahe jeden Tag gesehen hat, und die sich jetzt leicht zusammenziehen, zu Schlitzen werden. Böse, habgierige Schlitze. Eiseskälte breitet sich in ihm aus. Er wagt kaum zu atmen, presst sich vorsichtig tiefer und tiefer in seinen Ohrensessel. Das sind doch nur Gedanken, sagt er sich fieberhaft vor. Es ist doch nichts Reales. Niemand ist in diesem Raum. Es wird auch niemand hier hereinkommen. Die Tür und die Fenster sind geschlossen. Unten ist die Familie. Die ist allerdings sehr still jetzt…

Karin Rick, Der junge Mann und seine Lehrerin, in: Blaß sei mein Gesicht, Vampirgeschichten, Hg. Barbara Neuwirth, Wiener Frauenverlag, 1988, tb Suhrkamp, 1990.

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