 KARIN
RICK
FORT MIT DIESEN GLITZERSCHLANKEN AMAZONEN!
Anmerkungen zu Fritz von Herzmanovsky-Orlandos
Imaginationen der Weiblichkeit
Erschienen in:
Phantastik auf Abwegen
Hg. Bernhard Fetz, Klaralinda Ma-Kircher, Wendelin Schmidt-Dengler
Folio Verlag, Wien 2004
Ich habe einen großen phantastischen Roman geschrieben,
der wieder zwei Helden des Gaulschreck‘ bis zu ihrer Vernichtung
im Magischen führt“, schrieb Fritz von Herzmanovsky-Orlando
über das Maskenspiel der Genien an Friedrich Torberg. (M,
455) Das Thema der Heldenvernichtung bei Herzmanovsky-Orlando
scheint einer näheren Betrachtung wert. Ist doch scheinbar
eine schöne, unbekannte Frau daran ursächlich beteiligt.
Die Auslöschung des Cyriak von Pizzicolli, Protagonist des
Maskenspiels der Genien, geschieht durch die Begegnung mit der
atemberaubenden, göttlichen Cyparis, die mit ihrem wiederholten
Erscheinen in immer neuen Verwandlungen das Begehren des Helden,
seinen Wandertrieb, die Gier nach Neuem, Unbekannten weckt und
ihn in einem fremden Land dem Tode zuführt. Ein ähnliches
Schicksal trifft den Hofsekretär Jaromir Edler von Eynhuf
im Roman Der Gaulschreck im Rosennetz und den Privatgelehrten
Achatius von Yb in der Erzählung Cavaliere Huscher oder von
Ybs verhängnisvolle Meerfahrt. Von Yb geht an einem unheilvollen
Pakt, den er in einer lebensbedrohlichen Situation mit einer ihm
fast gänzlich Unbekannten geschlossen hat und nicht halten
wollte, seelisch zugrunde. Eynhuf wird durch seine unerwiderte
Liebe zu der Schauspielerin und Sängerin Höllteufel
indirekt zum Selbstmörder.
Der behütete Junge aus gutem Hause
Allen dreien ist gemeinsam, dass sie bis zum Zusammentreffen mit
verhängnisvollen Frauen ein behütetes, von jeglichen
Unannehmlichkeiten und Fährnissen geschütztes Leben
geführt hatten und gesellschaftlich anerkannt waren: Eynhuf
als Hofsekretär, von Yb als Privatgelehrter, Pizzicolli als
„Sohn angesehener Eltern“. Leibliches Begehren und
Sehnsucht gab es im Leben der drei bislang nicht. Bei Achatius
von Yb wird die unbestimmte Sehnsucht nach Sinnlichkeit erstmalig
durch einen Lichtstrahl ausgelöst, der eines Tages den Lichthof
seiner Wohnung mehr als sonst erhellt und seinen Wunsch nach Veränderung
auslöst. Sie konkretisiert sich in einer Italienreise, die
er bald darauf antritt. Da fiel es dem versonnenen Privatgelehrten
auf, dass mehr Licht als gewöhnlich in dem bücherdufterfüllten
Gelasse sei, [...] er sah, dass hoch oben im schmalen Spalt des
Lichtschachtes juwelensprühendes Sonnenlicht eine wahre Orgie
von Strahlengeglitzer aufführte. (E, 10) Er beschließt
daraufhin, das Meer kennen zu lernen. Pizzicolli, der „nie
weit von Graz weggekommen“ war, nahm die Gelegenheit des
Reisens nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern wahr: „Der
bestürzte Junge sah sich frei, machte auch das unbewegliche
Erbe zu Geld und fuhr an einem herrlich strahlenden Sommermorgen
auf die Bahn.“ (M, 12) Bei Eynhuf liegt die Sache komplizierter:
er verreist zwar nicht, aber seine unerwiderte Liebe zu der Sängerin
und Schauspielerin Höllteufel führt zu Ruhelosigkeit,
symbolisiert durch allerlei Irrwege durch die Stadt Wien.

Die Irrfahrten des Helden
Reisen, Irrfahrten, Verirrungen. Wirrnisse innerseelischer, körperlicher
oder geographischer Natur. Innere Zerrissenheit. Verlassen der
realen Welt, Eintritt in ein Traumreich oder eines der Obsessio-
nen, Verwandlungen, Verkleidungen. Metamorphosen. Für alle
drei Helden sind Liebe und Liebesleid, letztendlich Tod, untrennbar
mit diesen Instabilitäten, diesen Ortsveränderungen
verbunden, bei Achatius von Yb und Pizzicolli bereits bevor das
Objekt der Liebe
auf der Bildfläche erscheint, bei Eynhuf danach. „Was
für ein Irrsal!“, ruft Cyriak während seiner Reise
mehrmals aus. (M, 391 passim) Achatius von Yb reist also nach
Italien. Im Zug stößt er auf sein Verhängnis,
die schlafende Directrice einer Theatergruppe. Er wäre ihr
jedoch nie begegnet, hätte nicht mitten in der Nacht ein
Ereignis der unheimlichen Art, nämlich der Anblick „eines
Gnomenleichenzug[es] aus Verona“, „der sehr Böses
voranzeige“ (E, 13) den Maschinisten des Zuges derart in
Panik versetzt, dass er nicht weiterfahren wollte. Die Passagiere
werden zum Umsteigen gezwungen, in einen anderen Zug, der „aus
ganz veralteten Waggons der ersten Eisenbahnepoche“ (E,
13) besteht und damit den Eintritt in eine märchenhafte Welt
signalisiert. In einem als Boudoir eingerichteten Abteil erblickt
von Yb die schlafende Unbekannte. Cyriak von Pizzicolli verlässt
im Grenzort Gurkfeld das Universum des Rationalen, als er in die
Tarockei, ein magisches, durch das Testament Metternichs gegründetes
und auf den Regeln des in Österreich so beliebten Tarockspieles
aufgebautes Reich einreist. Schon an der Grenze erscheint ihm
die schöne Cyparis, die ihn verzaubern wird. Nach dem Maskenball,
auf dem er sich als Schmetterling verkleidet der umjubelten Schauspielerin
Höllteufel vorstellt und abblitzt, geht Eynhuf auf Wanderschaft
durch Wien und verliert sich mehr und mehr im Labyrinth seiner
absonderlichen Liebesstrategien. Von der Angebeteten als zukünftiger
Ehemann abgewiesen und von Eifersucht gequält beschließt
er, sie heimlich zu beobachten und erscheint in allerlei Verkleidungen
vor ihrem Haus:
Einmal überwand er sich sogar so weit, als fliegender Mehlwurmhändler
seine ekle Ware anzupreisen. Die Vogelhändler machten kopfschüttelnd
Gelegenheitskäufe zu Schleuderpreisen und wußten wohl
nicht, welcher schwarztoupierten Nachtigall sie dies zu danken
hatten. Wer wohl der schlanke Savoyardenjüngling mit tiefschattendem
Hute und den pfeifenden Murmeltieren sein mochte? Wer der vornehm
aussehende Wanzentinktur- verkäufer mit der gramvollen Linie
um den Mund? Eine Zeitlang saß er als blinder Harfner mit
grünem Augenschirm stundenlang auf einem Prellstein der Blumenstockgasse
und sandte sein klagendes Zimm-Zimm zu den Fenstern der Angebeteten
empor. (G, 88 f.)
Diese Verkleidungen zwingen Eynhuf zu einem Doppelleben, inklusive
Absteige bei einem anrüchigen Trödler. Er lernt Teile
Wiens kennen, die er bisher ignorierte und als ehrwürdiger
Beamter auch nie sehen wollte. Achatius von Yb beendet mit ängstlichem
Umherirren quasi sein Leben. Denn den Pakt mit der Unbekannten
gebrochen zu haben, erfüllt ihn mit so großer Angst
vor Strafe, dass er sich in seiner herrschaftlichen Wohnung seines
Lebens nicht mehr sicher weiß und bei seiner Rückkehr
Quartier in der Gosse aufschlägt, um vor Verfolgern sicher
zu sein. „Von Yb [verließ] seine alte prächtige
Wohnung und nahm zahlreiche Absteigequartiere ein, in die er,
wie ein furchtsames Wild, bei Nacht und Nebel wechselte.“
(E, 23) Alle drei verlassen den Ort einer gesicherten Identität:
Eynhuf verkleidet sich zuerst einmal nur für den Maskenball.
Diese Metamorphose ist jedoch der Beginn einer ganzen Serie von
Travestien, denen sich der Held unterzieht. Pizzicolli wird zum
Fremden, zuerst in der Tarockei, dann in Cythera, zuletzt auf
Kreta. Er ist zunächst Beobachter, dann zusehends Involvierter,
ja häufig Geneckter, an der Nase Herumgeführter; Spielball
von Wesen, die ihr äußeres Erscheinungsbild ständig
verändern, verschwinden, wieder auftauchen. Schließlich
wird er ebenfalls verwandelt und als Hirsch zu Tode gejagt. Auch
von Yb steigt in ein Zauberreich hinab, nämlich in den Keller
des Hotels in Genua, in dem ihm ein Kellner das „Meer im
Misttrüherl zeigt. Er wird dann von zwei drallbusigen, bildhübschen
Mädchen „funkelnden Auges“ (E, 19) ent- und verführt,
nach zwei Liebesnächten ausgeraubt, eingekerkert, weil er
die Gunst der beiden nicht bezahlen kann, von der unbekannten
Schönen aus dem Zug „errettet“, allerdings in
die Pflicht eines unheilvollen Paktes genommen. Er kann vor ihr
nach Wien zurückfliehen, bleibt aber Zeit seines Lebens von
diesem Spuk infiziert, an dem er zugrunde geht.

Männliche Keuschheit
Alle drei, Eynhuf, Cyriak und Achatius von Yb, sind dem Leiblichen
gegenüber gänzlich unbedarft, ja unvorbereitet auf die
gefährliche Anziehung, die Frauen ausüben können,
und die Verwicklungen, die das Begehren mit sich bringt. Sie sind
außerdem schüchtern, nicht sehr draufgängerisch,
eher „weiblich“ passiv. Von Yb und Eynhuf sind außerdem
Kopfmenschen mit fixen Vorstellungen, die sich zum Wahn entwickeln.
Der Hofsekretär Eynhuf lebt in einer Welt, in der jede Art
von Extravaganz geächtet ist. Für die Ausübung diverser
Lüste herrschen strenge Regeln. Die Teilnahme an einem Maskenball
ist verpönt, eine Fahrt in die Sommerfrische hingegen würde
„bessere Empfehlungen zum Amt“ bringen. Sexuelle Überschreitungen
(im Klartext: Sex außerhalb des matrimonialen Bündnisses)
sind bei all seinen Bekannten ständiger Gesprächsgegenstand,
aber immer im Sinne moralischer Entrüstung, oder sie werden
weggelogen, etwa Annerl Zischs Beziehung zu Großkopf.
Eynhufs Beamtendasein wird daher weniger durch seine Amtsaufgaben
zur Zwangsjacke, als viel mehr durch die unausgesprochenen Benimmregeln,
denen er unterworfen ist. Deren Einhaltung – wohlgemerkt auch
außerhalb seiner Dienststunden – wird nicht nur von
seinem Chef, sondern von seinem Bekanntenkreis rund um die Kaffeekränzchen
der Frau Schosulan genau überwacht. Die strenge Kontrolle des
Sinnlichen zeigt sich darin, dass ein musikspielender Leibstuhl
die einzige Lustbarkeit für die Gäste der Schosulan ist.
In der Wohnung wird zu seinen Klängen Gavotte getanzt, am Gang
jedoch schlagen die unsittlichen Nachbarmädeln ihre Räder
zu dieser Musik, ein schamloses Schauspiel, das nur durch das Guckloch
und „vor Entsetzen starr“ betrachtet werden darf. (G,
36)
Als Eynhuf sich durch seine unglückliche Neigung zur Schauspielerin
Höllteufel langsam aber zielsicher ins gesellschaftliche Out
begibt, gibt es genügend Zeugen und Zeuginnen, die diesen Prozess
dokumentieren können, und nicht einmal erstaunt sind, dass
Eynhuf am Ende als Sittenstrolch polizeilich gesucht wird. Zu Hilfe
eilt ihm allerdings niemand mehr. Um der Höllteufel näher
zu kommen, lässt Eynhuf sich widerwillig mit deren Zofe Ludmilla
ein. Aber die von ihr angebotene Sinnlichkeit kann er nicht genießen,
weder die sexuelle Vereinigung mit ihr, noch den Besuch im Wurstlprater.
Er geht zögerlich mit und setzt sich mit zusammengebissenen
Zähnen auf das Schaukelpferd eines Ringelspiels, hoffend, dass
er in der plebejischen Menge unerkannt bleibt. Prompt wird er aber
von einer Freundin der Frau Schosulan gesehen:
[...] da, um Himmelswillen, ist das nicht die Frau Beischl? [...]
Eine Zeitlang glotzte ihn die Selcherswitwe verständnislos
an, dann blieb ihr Mund lange offen, während der unglückliche
Sekretär, der wie gelähmt auf seinem jammervollen Spielzeug
saß, [...] immer wieder bei ihr vorbeigezerrt wurde. (G, 101)
Nach dem Beischlaf mit Ludmilla ist er geradezu erbost darüber,
dass sie ihm seine Unschuld genommen hat und möchte Wien am
liebsten verlassen:
Ja, fort aus dem Babylon Wien, diesem Sündenpfuhl, wo erst
jüngst ein leichtfertiges, junges Ding ihm die so lang gehütete
Blume des Junggesellentums entrissen hatte. (G, 104)
In einer zynischen, verlogenen, besserwisserischen und schadenfrohen
Gesellschaft (nicht umsonst heißt das Haus, in dem er wohnt
und in dem Frau Schosulan ihre Nachmittagsjausen veranstaltet, Querulantenhaus)
bleibt Eynhuf kein Spielraum für das Sinnliche, Ausschweifende.
Zudem ist er immer eifrig bemüht, „höheren Orts“
nicht anzuecken. Umso faszinierender muss daher die „Démoiselle“
Höllteufel für ihn sein, die sich schamlos und ohne dafür
bestraft zu werden, all das erlaubt, was er sich nie und nimmer
gestatten darf. Pizzicollis Psyche ist am dürftigsten beschrieben.
Immerhin wissen wir aber, dass er „sanft und im Grund unendlich
artig“ (M, 66) ist. Sein Kontakt zu Frauen ist am weitesten
von der Realität entfernt. Wenn er sexuelle Vereinigung erlebt,
dann im Rahmen einer traumähnlichen Erscheinung.

Isolation und Tod
Die Modi der Vernichtung unterscheiden sich zwar, den Helden gemeinsam
ist jedoch die zunehmende Isolation von ihrem sozialen Umfeld und
ihr langsamer Weg in den Tod: Cyriak wird von Diana, der Gefährtin
der Angebeteten Cyparis, in einen Hirsch verwandelt und von Hunden
zu Tode gejagt. Eynhuf wird als angeblicher Sittenstrolch von der
Polizei gejagt und erschießt sich. Von Yb hält zwar den
äußeren Rahmen seines beruflich gesellschaftlichen Lebens
aufrecht, isoliert sich aber durch die Flucht vor einer von ihm
imaginierten Bedrohung so sehr, dass er vereinsamt stirbt. Die Gesellschaft,
die das Leben der drei getragen hat, existiert zum Zeitpunkt ihres
Todes als vertrauter Raum nicht mehr. Cyriak hat sich durch seinen
Eintritt in das magische Reich der Tarockei und seine Reise nach
Cythera ohnehin schon geographisch von seiner Welt entfernt. Außerdem
empfindet er immer wieder große Einsamkeit, vor allem dann,
je näher er dem Ort seines Todes kommt: „Jetzt vereinsamte
Cyriak vollkommen.“ (M, 359); „So löste sich Cyriaks
letzte Heimat von selber auf.“ (M, 370) Eynhuf entfernt sich
weniger örtlich, als vielmehr in seiner Gesinnung. Die Regeln
ehrbaren Beamtenlebens werden immer schimärenhafter, je mächtiger
seine eigenen Phantasien werden. Das ihm Geborgenheit vermittelnde
Querulantenhaus mit den Kaffeejausen bei Frau von Schosulan wird
zunehmend unwichtiger, ebenso sein Beruf. Von Yb wird von der Gesellschaft
der Gelehrten, in der er lebt, in seinen Nöten allein gelassen,
obwohl er in der Wahrnehmung der anderen verbleibt, ja zur lebenden
Legende wird: Ganz Wien, vom Kaiser bis zum letzten Maronibrater,
wußte von der entsetzlichen Lage, in der sich unser scheuer
Freund befand. Und die große Millionenstadt nahm innigen Anteil
an seinem beklagenswerten Los. Selbst in Brünn, Graz und noch
weiter in der Provinz war er ein Gegenstand des
Jammers, ja vereinzelter Tränen. (E, 23) Von Ybs Rettung scheitert
an dem langsamen Fortschreiten der Wissenschaft, auch wenn es Bemühungen
gibt, Auswege zu finden. „Da und dort brütete ein weißsträhniger
Greis an einen Globus gelehnt; dort – in der Mitte –
saßen mehrere Greise ganz in sich versunken und brüteten
stumm.“ (E, 24)

Die todbringende Schöne
Wer aber sind die Frauen, die an der Vernichtung der drei ursächlich
beteiligt sind? Die unbekannte Directrice einer Theatergruppe aus
dem Zug, die Achatius aus dem Kerker errettet, um ihn durch einen
Pakt für immer an sich zu binden, ist in diesem Moment quasi
Herrin über Leben und Tod. Und um welchen Pakt handelt es sich?
Nicht etwa um das christliche Ehebündnis, das er ihr, als er
noch die Wahl hatte, im Zug vorgeschlagen hat, und das sie ablehnte.
Nein. Er soll unterschreiben, dass er die Zwischenakte ihrer Theaterstücke
„als sogenannter ‚Agostino stupido‘, als dummer
August“ beleben wird. (E, 22) Und zwar für immer. Lebenslang.
Als dummer August! Ein bisschen erinnern wir uns da an den würdigen
Gymnasialprofessor aus Heinrich Manns Professor Unrat und der Verfilmung
Der blaue Engel mit Marlene Dietrich. Auch Professor Unrat hat den
Clown zu spielen. Ihm wird ein Ei auf den Kopf gedrückt, dazu
hat er unter Aufgabe sämtlicher Selbstachtung „Kikeriki“
zu rufen, und er tut dies, weil er der schönen Sängerin
verfallen ist, von allen verspottet bis zu seinem einsamen Ende.
Es ist zu verstehen, dass Achatius von Yb den Pakt zwar unterschreibt,
aber bei erstbester Gelegenheit doch flüchtet. Es bedarf auch
einigen Mutes, sich aus einem solchen Kontrakt, der dem Universum
des Masochismus angehört, herauszuwinden und die übermächtige
Mutter zu verlassen. „Mit tiefer Einsicht unterschied das
Mittelalter zwei Arten von Diabolik oder Grundperversionen: die
eine durch Besessenheit, die andere durch den Pakt“, schrieb
Gilles Deleuze in seiner Studie zur Venus im Pelz von Sacher-Masoch
(Deleuze 1968, 176). Besessenheit im Sinne eines Verfolgungswahns
und Selbstgeißelung ist fortan Achatius’ selbstauferlegte
Strafe für diesen Ungehorsam der Mutterfigur gegenüber.
Besessenheit spielt auch bei Eynhufs Ambitionen eine wesentliche
Rolle. Die Démoiselle Höllteufel gebärdet sich
wie eine Herrscherin. Sie ist von einem ganzen Hofstaat von Bewunderern
umgeben, lebt im Luxus und verspottet Eynhufs Liebeswerben. Außerdem
ist sie eiskalt. Eynhuf ist zuerst von seiner Eifersucht besessen,
dann von dem Drang, sich zumindest durch seine Milchzahnsammlung
beim Kaiser beliebt zu machen, wenn er schon bei der Höllteufel
nicht ankommt. Wegen dieser Zahnsammlung hat er ja überhaupt
erst die Bekanntschaft mit der Schauspielerin gemacht. Wegen dieser
Sammlung wird er letztendlich als Sittenstrolch verfolgt. Da er
den Zahn der Schauspielerin nicht bekommen kann, versucht er ihn
einem blutjungen Mädchen aus der Gosse eigenhändig auszureißen,
wird dabei ertappt und fälschlicherweise als Pädophiler
verfolgt.
Die Frauen, Auslöser solchen Unglücks, sind nicht nur
dominant. Sie sind samt und sonders schön. Aber diese Schönheit
wird nicht genau benannt, sie bleibt eine Leerstelle, in die sich
die Phantasie des Lesers einschreiben kann. In allen drei Geschichten
gibt es eine einzige schöne Frau. Diese ist der Liebe wert,
einer Liebe, die nie vollzogen wird, wegen dieser Frau wird gestorben.
Diese Frau ist in ihrem Äußeren auch für die Leser
nicht greifbar. Daneben gibt es unzählige andere Frauen, die
ausnahmslos hässlich sind, und zwar abgrundtief. Im Gaulschreck
erinnern die hässlichen Frauen an die mit dem irdischen Dasein
verbundene Pflicht, eine Ehe einzugehen, stehen für die Realität
des Sozialwesens, für Verantwortung, werden von Eynhuf aber
abgelehnt und zurückgewiesen. Sie sind um vieles wirklicher
als die schöne Frau, die nur Vision bleibt. In ihrem Aussehen,
auch in ihren allzumenschlichen Reaktionen und Handlungen sind sie
an- und begreifbar. Über das Äußere der todbringenden
Schönen erfahren wir also fast nichts. Es wird mit allgemeinen
Worten wie „schön“, „jung“, „knabenhaft
schlank“, „schwarzlockig“ beschrieben, etwa die
schlafende Frau im Zug: „von einer Ampel rosig bleuchtet,
erhob sich ein Himmelbett, und auf ihm schlummerte in malerischer
Attitüde ein wunderschönes, schwarzlockiges Mädchen.“
(E, 14) Die Schauspielerin Höllteufel wird mehr durch die Insignien
ihrer Macht als durch Details ihrer Schönheit plastisch:
Plötzlich schlug Eynhufs Herz höher. Auf einer Estrade
bemerkte er das Ziel seiner Wünsche, die Herrin des Milchzahnes.
Wie schön war sie doch, als Rosenbukett costümiert, ein
Märchen in Sonnenaufgangsfarben, schillernd und seideraschelnd
von großmaschigen Schäferinnen und ihrem männlichen
Hofstaat umgeben. (G, 71)
Von Cyparis wissen wir nur, dass sie Cyriak das erste Mal in der
Gestalt eines Knaben mit langen Locken und langen Wimpern erscheint,
der „einen selten schönen Schmelz in der Stimme“
hat. Etwas später überrascht er sie bei ihrem nächtlichen
Bad im Wald: „in dem Becken badete graziös, gleich einer
Elfe, ein wunderschönes, nacktes Mädchen, jugendschlank,
der glatte Körper glitzernd im Mondlicht.“ (M, 61 f.)
Die körperliche Vollkommenheit ist so groß, dass sie
bei ihm Panik auslöst: „Voll Entsetzen suchte er einen
noch so geringen Fehler in ihrem Antlitz, der ihm zur Rettung werden
sollte ... ach – er entdeckte nichts.“ (M, 65) Die Sprachgewalt
Herzmanovksy-Orlandos, die bei der Beschreibung der Schönheit
versagt, donnert wie eine Gerölllawine über die hässlichen
Frauen herab, die dadurch aber insbesondere im Gaulschreck vor Lebendigkeit
strotzen, so abstoßend sie auch sind. Das Antlitz der Hofmetzgerswitwe
Beischl im Gaulschreck ist „unbeschreiblich ausdruckslos und
verliert schon aus geringer Entfernung soviel an Details, daß
es verzweifelt unanständig anzusprechen war“, „ihre
unwahrscheinliche Körperfülle [ist] in ein spangrünes
Seidenkleid gestopft“ (G, 101). Das ältliche Fräulein
von Fackelstein hat ein „grässliches Feuermal und ein
Fleckchen Mausfell an der Wange“ (G, 31), die Frau Schosulan
„hat das Wohl und Wehe der Hofbeamten in ihren knotigen, feuchtkalten
Händen“ (G, 26), die Fräulein von Kibisser sind
„verblühte, kümmerliche Geschöpfe“ (G,
30). Das Zischannerl ist „ein knallrotes, schielendes, noch
sehr junges Ding“ (G, 31), aber „hibsch rosig und mollig“
(G, 36), wie Eynhuf in Gedanken feststellt, als er sie mit Crispine,
der älteren
Tochter des Hofzwerges vergleicht, die in ihn verliebt ist. „Die
Zwergsche dagegen gelb im Gesicht und hager, und an Gang hat sie,
wie a kranke Kuh!“ (G, 36) Die Gattin des Hofzwerges ist baumlang
und dünn, lugt „affenartig schnell mit den tiefliegenden
Äuglein nach Hunden aus“ (G, 9) und hat ein dünnes,
keifendes Organ (G, 10).
Wenn Crispine wegen Eynhuf Liebeskummer hat, so ist der Ausdruck
der gekränkten Gefühle nicht bemitleidenswert, sondern
abstoßend, birgt jedoch einiges Identifikationspotential.
Als Eynhuf ohne Gruß an ihr vorbeiritt, weil er nur Augen
für die schöne Schauspielerin hatte, begann sie „die
Augen so zu verdrehen, daß man bloß noch das Weiße
sah, hatte Schaum vor dem Mund und stieß ohne Unterlaß
ein schrilles Gicksen aus, während wirre Krämpfe den ungraziösen
Körper so schüttelten, daß sie einem geköpften
Huhn ähnlicher sah als einer Beamtenstochter“ (G, 106
f.). Die schönen Frauen, so langweilig sie für den Leser
sein mögen, haben jedoch etwas Göttliches. Auffällig
ist die Paarung von jugendlicher Unschuld und Knabenhaftigkeit,
insbesondere bei Cyparis, die am Bahnhof des Grenzortes Gurkfeld
zuerst als trommelspielender Knabe auftaucht, behauptet, ein Barmädchen
zu sein, etwas später, im Varieté, tatsächlich
als Barmaid erscheint, und damit für Verwirrung hinsichtlich
ihres Geschlechtes sorgt, ja Cyriak die Definition desselben sogar
überlässt:
„Wer bist du?“
„Ich – ich bin das Barmädchen!“
„Aber du bist doch ein Knabe!“
„Das schon“, antwortete das junge Wesen mit niedergeschlagenen
Augen, daß man die langen Wimpern bewundern konnte, „aber
– ganz wie die Herrschaften belieben. Sie werden ja sehen!“
(M, 34)
und etwas später:
„Verzeihen Sie, Fräulein ... sind sie nicht eigentlich
ein nächtlicher Trommler?“
„Der Herr scherzen nur“, schmollte das hübsche,
junge Ding mit den schelmischen Augen. (M, 37)
Dann erscheint sie als zum Fremdenkontrolldienst abkommandiertes
Mitglied des Amazonenkadettencorps, „Figurantin der Commedia
del marte“ (M, 52), als Guedon, Standartenführerin von
Aphrodite, gekleidet in der „verschollenen Tracht der Läufer“,
dazu ein
„Ballettröckchen aus weißem Atlas“; ein „Goldhelm
mit wallenden, gleichfalls weißen Straußfedern“,
ein „juwelenbesetztes Schwert“. (M, 47)
Hier empfiehlt es sich, den historischen und persönlichen
Hintergrund von Herzmanovsky-Orlandos Weiblichkeitskonstruktionen
etwas genauer anzusehen. Cyparis ist die Frauengestalt, die am ehesten
dem von ihm so zelebrierten Androgynitätsmysterium entspricht.
In einer Notiz zur Mythologie und Mystik beschreibt Herzmanovsky-
Orlando Genien, Engel, Walküren, Feen als Mittler zwischen
Gott und den Menschen. Diese Mittler müssen das Männliche
und Weibliche in sich tragen: „ihr Symbol muß die Zeugungskraft
oder Möglichkeit beider Geschlechter haben, sie müssen
bisexuell, androgyn sein. Ewige Jugend und Schönheit sind unerläßlich.“
(M, 469) Sie sind für Herzmanovsky-Orlando außerdem „keine
reale Person, sondern eine Personifikation der Macht der Liebe [...]
dieser immer neuen verwandelten androgynen Erscheinung der Liebe“
(zit. nach M, 469). Das Urbild für dieses Mysterium ist Herzmanovsky-Orlandos
Ehefrau, die junge Carmen. Sie ist knabenhaft schlank, auf Fotos
in männlicher Allüre in Reitstiefeln, mit Zigarette zu
sehen, hat Ringellocken und einen Bubikopf. Sie ist der Prototyp
des „Bubikopfmädchens“, „des androgynen,
göttlichen Symboles, das eben jetzt der Männerwelt gefährlich
zu werden erscheint“, schrieb Herzmanovsky-Orlando im Brief
an Kristina Pfeiffer-Raimund vom 9. Dezember 1929 (AB, 221). Carmen
hat nicht nur für Figuren wie die der Cyparis Modell gestanden.
Sie unterhielt auch, parallel zu ihrer Ehe und mit Wissen ihres
Mannes eine leidenschaftliche, mehrere Monate dauernde Liebesgeschichte
zu Helga Kund. An den Liebesbriefen Carmens an Helga hat Herzmanovsky-
Orlando mitgeschrieben. Helga Kund entsprach ebenfalls dem Schönheitsideal
des Androgynen, genauso wie die Spanierin Roxane Rosanis, die ab
1924 Gesellschafterin Carmens war und 1929 aus unbekannten Gründen
Selbstmord beging. (Vgl. Abb. auf
S. 38)

Die Garçonne
Dennoch sind Carmen, Helga Kund und Roxane Rosanis nicht bloß
wegen persönlicher Präferenzen des Autors Vorbilder für
die Zeichnung seines androgynen Frauenbildes. Herzmanovsky-Orlando
begann die Arbeit am Maskenspiel der Genien Mitte der 1920er Jahre,
als die Garçonne, die europäische Variante des Flapper,
ein von Mode, Film und Massenmedien favorisiertes weibliches Idealbild
war – ein Kompromiss zwischen der – von der ersten Frauenbewegung
ermutigten – weiblichen Selbstbestimmung und der Normierung,
die Männer für eine „befreite“ weibliche Sexualität
parat hatten. Die Garçonne kann zudem als gegenkulturelles
Symbol für kollektiv gestaltete lesbische Ausdrucksformen gesehen
werden, trägt ihren Bubikopf also nicht immer nur, um Männer
zu verführen. Die Kleidung machte endlich Schluss mit der Umpanzerung
des weiblichen Körpers. Sport und Tanz, insbesondere Tänze
wie Charleston und Black Bottom, die das egalitäre Prinzip
zwischen Frauen und Männern förderten, verlangten schlanke
Beine und schmale Hüften. Der Mann gab sich feminin, langhaarig
pomadisiert, die Frau hingegen trug Jungenhaarschnitt, Krawatte
und Monokel. Sie karikierte damit männliche Anmaßung.
Es gab Damenwahl und Gigolos. Greta Garbo mit ihrem herben, scharfkantigen
Gesicht lag im Trend. Der Gipfel an unkonformem Verhalten war das
Zigarettenrauchen mit Zigarettenspitze in aller Öffentlichkeit.
Wer waren aber die Frauen, die sich diesem Bild anpassten? Realer
Hintergrund für soviel weiblichen Bewegungsspielraum war die
stark zunehmende Berufstätigkeit der Frauen in den Städten.
Dort lebten viele vor ihrer Ehe allein, verdienten eigenes Geld
und konnten sich das Ausgehen leisten. Oft war gerade beim Tanz
die starre Trennung zwischen echten und halbseidenen Damen verwischt.
Nicht nur Schauspielerinnen und Gunstgewerblerinnen, sondern auch
Verkäuferinnen nahmen sich das Recht auf Sinneslust. „Männer
taten sich schwer, zwischen einer anständigen Frau, einer Lesbierin
und einer Hure zu unterscheiden.“ (Hacker 1990, 26) Herzmanovsky-Orlando
zum Beispiel verließ die gutbürgerliche sehr biedere
Verlobte Christine Kerry zugunsten der feurigen, vielleicht auch
libertinen Carmen Schulista, die er über eine sehr eindeutige
Zeitungsannonce kennen gelernt hatte: „Schwarzes interessantes
Mädchen sucht d. Bekanntschaft eines Herrn unter ‚Wer
wagt, gewinnt.‘“ Und gerade bei Carmen sind die sexuellen
Präferenzen nicht eindeutig. Ihre Liebesbriefentwürfe
an Helga Kund sind von großer, unbändiger Leidenschaft
und Sehnsucht.
„Deine Briefe Dein Haar, Deine Bilder sind das erste, das
ich am Morgen erblicke und das Letzte worauf mein Blick vor dem
Einschlafen fällt. Und dazwischen rattert es in meinem Hirn
wie das gleichmässige Geräusch eines Eisenbahnzuges stereotyp
... Helga, Helga. Helga ... Mein Leben, mein ganzes Ich, mein Denken
u Fühlen, gehört Dir, ja ich bin ganz Dein.“ (Briefentwurf
vom 7. [8.] 7. 1919, Brenner-Archiv, Innsbruck)
Heimito von Doderer schuf die lesbische Kupplerin Flavia Buscarolli.
Louise Brooks, Inbegriff der Garçonne, spielte in Pabsts
Verfilmung des Romans von Margarete Böhme Tagebuch einer Verlorenen
(1929) das gefallene Mädchen Thymian, das verführt und
geschwängert wird, in einer Besserungsanstalt, dann im Puff
landet, im Roman an Tuberkulose stirbt, im Film überlebt und
außerdem homoerotische Neigungen hat. Brooks spielt eine von
der lesbischen Gräfin Gewitz begehrte „Lulu“ in
dem Film Die Büchse der Pandora (1929). Mit diesen Rollen trug
sie ein frivoles, zumindest bisexuelles Gehabe zur Schau und inszenierte
lesbisches Begehren und käufliche Liebe auf der Leinwand.

Die grausame Frau
Auf einem der überlieferten Fotos hält Carmen Herzmanovsky-Orlando
eine Reitgerte, auf einem anderen ein Gewehr, mehrmals ist sie mit
Stöcklein und in Männerdress abgebildet. Zeitgleich mit
ihr beherrschen Unmengen martialische, zum Teil todbringende Frauengestalten
den politischen, psychoanalytischen und künstlerischen Diskurs
dieser Epoche. Der Archetypus der grausamen Frau, der femme fatale,
wurde unter anderen von Sacher-Masoch literarisch produziert, nicht
nur in der Venus im Pelz, sondern auch in dem Erzählband Grausame
Frauen, starke Herzen (Leipzig 1938). In der Gestalt der Carmen
in der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée aus
dem Jahr 1845 geschah indirekt eine Aufwertung der Hexe. Carmen
als zwar Männer mordendes, aber leidenschaftlich liebendes
Geschöpf sollte – so Christina von Braun – im 20.
Jahrhundert gar zum Idealbild von Weiblichkeit erhoben werden (Braun
1987, 11), zum Inbegriff eines authentischen Gefühls, eines
ungebrochenen, ursprünglichen Frauseins. Über sie schrieb
Nietzsche 1888: „Endlich die Liebe, die in die Natur zurückversetzte
Liebe. Die Liebe als Fatum, als Fatalität, zynisch, unduldsam,
grausam – und eben darin Natur.“ (Nietzsche 1946, 34)
Etwa zur gleichen Zeit behauptete der Sexualwissenschaftler Krafft-Ebing
das Gegenteil, nämlich dass die „normale Frau“
fast überhaupt keinen Geschlechtstrieb habe. Die Legendenbildung
wurde dominiert von der Blutgräfin Bathory, „Tigerin
in Menschengestalt, Hyäne der Pussta, la Comtesse Sanglante,
theWorld Champion Lady Vampyr of all Time“ (Perthold 1990,
19), eine ungarische Adelige, die angeblich über 600 jungfräuliche
Mädchen getötet haben soll, um in deren Blut zu baden
und sich so die ewige Jugend zu bewahren. Wenn also Carmen Herzmanovsky-Orlando
ihre Geliebte Helga Kund in ihren Briefen als „Tigerin“
bezeichnet und sich selbst als „Panther Bagheera“, so
tritt sie damit in berühmte Fußstapfen. „Mein schöner
Königstiger“ Bagheera sieht im Geiste die klaren Krystallaugen
seiner heissgeliebten Grosskatze vor sich – wie er sich nach
ihm sehnt.“ (Briefentwurf vom 30. 7. 1919, Brenner-Archiv,
Innsbruck)
Die Historikerin Hanna Hacker widmet sich in ihrem Werk Gewalt
ist: keine Frau (Hacker 1998) der Geschichte weiblicher Transgressionen
in dem Zeitraum 1870 bis 1930 und zeigt, dass auch innerhalb der
ersten Frauenbewegung die „kalten Frauen“, die „Frau
ohne Güte“ nicht unumstritten waren, obwohl sie von ihr
gewissermaßen generiert wurden: Emilie Mataja, eine der erfolgreichsten
österreichischen Schriftstellerinnen der 1880er und 1890er
Jahre und Briefpartnerin von Sacher-Masoch, schrieb den Roman Der
abgesetzte Mann (1916). Eine ihrer Protagonistinnen ist Frauenrechtlerin,
elegant, imposant, betörend schön, stolz, politisch erfolgreich,
aber männermordend:
Ich kenne nichts Rücksichtsloseres als diese Frau. Ihr Weg
geht über Leichen. [...] Begehrt ist sie genug geworden, die
Frau schön und, wie die Männer annahmen, unbefriedigt.
Kein Wunder, dass sie hinter ihr her waren wie der Jäger hinter
dem Wild [...], nur dass dieses Wild ein gefährliches Raubtier
war, das sich unversehens gegen seinen Verfolger kehrte und ihn
mit seinen Krallen zerfleischte. (Mataja 1916, 287 f.)
Die Romanrezensionen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung
gerieten dieser Figur gegenüber ziemlich abwertend, aus Angst,
in den eigenen Reihen ebenfalls einige solcher Monster verzeichnen
zu müssen. Und die realen „grausamen“ Frauen? Ihnen
gestand die Sexualwissenschaft sogar ein „drittes Geschlecht“
zu, wenn sie herkömmliche Vorstellungen von Frau-Sein konterkarierten,
weil sie als Mörderinnen aus Leidenschaft, Soldatinnen, Duellantinnen,
Peitschenknallerinnen und Betrügerinnen aller Art zur Virilität
neigten, aber doch keine Männer waren. Auch Guy de Maupassant
schrieb über das „dritte Geschlecht“ in dem Artikel
L’ Androgyne (zit. nach Hacker 1998). So lernte er angeblich
Gisèle d’ Estoc, eine berühmte „femme d’
attaque“ kennen. Unter anderem vereinbarte er mit ihr, dass
sie auf Diners (die er organisierte) als Mann gekleidet die willigen,
nach Frauenliebe lechzenden Ehefrauen seiner Schriftstellerfreunde
verführen sollte. Gisèle d’ Estoc hat als reale
Frauengestalt vielleicht gar nicht existiert. Der Name ist vielleicht
nur ein Kürzel gleich für mehrere Amazonen dieser Zeit,
oder gar nur literarische Fiktion. Man weiß es nicht genau.
Historisch verbürgt ist jedoch die Schriftstellerin Rachilde,
die sich selbst das Attribut „homme de lettres“ beifügte.
In ihren Büchern kommt es zu einigen Überschreitungen
der Geschlechtergrenzen, wie in dem Skandalroman Monsieur Venus
(1884): Ein armer junger Mann wird von der reichen Aristokratin
Raoule de Vénérande in ihrem Schlafzimmer zum Mädchen
gemacht, das sich einem „männlichen“ Freund Raoules
sexuell anbiedern muss. Rachilde selbst trug Männerkleidung,
kurze Haare, teilte in der Öffentlichkeit Ohrfeigen aus und
ließ sich mit Max Ernst auf einen Raufhandel ein. Ihr Wappenzeichen
war der Werwolf, in den sie sich hie und da verwandelte, wie sie
selbst erzählte:
Spät im Laufe des Abends nehmen ihre grünen Augen einen
‚alle Zeichen stehen auf Sturm‘-Ton an, und ihr rundes
Katzengesicht verlängert sich zu einer Wolfsschnauze. Sie zerschlägt
eine Schüssel, zerreißt meinen Rock, heult: Ich will
dich! (Zit. nach Hacker 1998)
Harmlos im Vergleich dazu ist Helga Kund, das „Tigerl“,
in Carmen Herzmanovsky-Orlandos Liebesbriefen.
Tigerl, Du wunderschönes Mowgli! So bist du wirklich fort
– was für ein namenlosesWehdiese fünf kleinen Worte
in sich bergen. Tigerl fort – Weißt du, dass das für
mich heisst: Sonnenfinsterniss bei hellichtem Tag? (Briefentwurf
vom 3. 7. 1919, Brenner-Archiv, Innsbruck) Wie behagt es dem Tiger
oben am Schlern? Was hat es auszusetzen – bekommt es seine
fetten Beefsteaks u Milchschüsserln? Füttert auch oben
es jemand mit Sekt? Wann hat es seinen Auslauf – gibt es oben
einen netten Dschungel? ... Haut es manchmal mit den Krallerln auf
Klaviertasten? (Briefentwurf vom 12. 7. 1919, Brenner-Archiv, Innsbruck)
Die Darstellerin von Hosenrollen, Sarah Bernhardt, focht nicht
nur auf der Bühne, sondern behauptete sich gegen einen der
besten Fechter Argentiniens. Die Archäologin und Orientreisende
„Amazone“ Jane Dieulafoy und die Malerin von Schlachthofszenerien
Rosa Bonheur trugen ihre „Berufs“-Kleidung auch öffentlich
im Alltag.
Ich zähle all diese Figuren – die schillernd und in
all ihrer Ambivalenz von Hanna Hacker dargestellt wurden –
auf, weil ich mich nicht nur auf sogenannte „Männerphantasien“
festlegen möchte, wenn ich eine literarische Konstruktion wie
die der „göttlichen Mörderin“ ins Visier nehme.
Wie man sieht, war gerade das 19. Jahrhundert reich an Fest- und
Umschreibungen des Weiblichen in wissenschaftlichen, literarischen,
politischen und juridischen Diskursen. Christina von Braun spricht
von einem Paradigmenwechsel der Geschlechterrollen in zwei Mythenproduktionen,
„Don Juan“ und „Carmen“. „Don Juan“
wird – zumindest in den jüngeren der circa tausend Fassungen
des Mythos – zusehends vergeistigter, jagt nur mehr „der
Idee des Weibes“ nach. Braun spricht von der „Verflüchtigung
des Männlichen“, von der „Entleibung des erotischen
Verführers“, seiner „zunehmenden Askese“.
Vor allem die Künstler und Schriftsteller der Décadence
sind das reale Spiegelbild des versagenden – effeminierten
– „Don Juan“; mit ihren Krankheiten, ihrem Kult
der Gebrechlichkeit.
Die männliche Hysterie taucht als Ersatz für den erfolgreich
bekämpften und auf den Scheiterhaufen zu Asche reduzierten
Körper der Frau auf – diesen Körper, in dem zugleich
auch die Sinnlichkeit, die Geschlechtlichkeit selbst bekämpft
worden waren. (Braun 1987, 15)
Gleichzeitig entstehen Carmen oder all die anderen Verführerinnen
wie Medusa, Salomé, Lulu als Wiederbeleibung der zur Metapher
gewordenen Frau. Es spricht vieles dafür, dass es bei Cyparis
von Herzmanovsky-Orlando ebenfalls um diese Metapher, um die von
Innen produzierte Kunstfrau geht, die besser ist als die reale Frau,
die nichts mehr mit Gebären-Können, nichts mehr mit Mutterschaft,
Sinnlichkeit, Wollust, Lebendigkeit, Leben zu tun hat, ja den männlichen
Helden endlich von der Bürde des Sexus befreit und ein Askese-Ideal
verwirklicht. Bei ihrer ersten nächtlichen Zusammenkunft im
Walde bedient Cyparis Cyriak als Ganymed, diese Geste unterstrich
die „Herbheit ihrer Jugend, deren Hingabe nicht so sehr weiblich,
als vielmehr die der geschlechtslosen Grazie war“ (M, 63).
Und diese „über das Geschlecht Erhabene“, „vom
Sexus Gelöste“ führt ihn zum Einstieg in „olympische
Wolkenhöhen“ oder auch „an die Schwelle des neuen
Reichs der Hekate“, also in den Tod. (M, 398 f.) Für
Hanna Hacker gilt es weniger zu fragen, was denn Weiblichkeit sei,
als vielmehr welche Aktionsräume Frauen hatten, die zu einer
Überschreitung von Geschlechtergrenzen neigten. Welche Folgen
wie Isolation, Ausgrenzung, Ächtung, Gefangenschaft und Tod
daraus resultierten und welche Diskurse sich überschnitten,
wenn über sie geschrieben oder geurteilt wurde. Dabei geht
Hacker, radikaler als Christina von Braun und die neuesten feministischen
Theorien, entsprechend bis zur Infragestellung des Symbols „Frau“
als wesentlicher, universeller Begriff. Denn „die moderne
gesellschaftliche Kategorie Frauen‘ ist ohnehin nur eine von
den ordnungsmächtigen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts miterzeugte“
(Hacker 1998, 15). Grenzenüberschreitende Frauen also Opfer
des „Sprechens über sie“?
Bei Herzmanovsky-Orlando kommen die diskursiven Erscheinungsformen
des Weiblichen in verschiedensten Versatzstücken travestiert
vor. Die literarische Technik verfolgt dabei einerseits eine Erhöhung
der Frau durch abstrakte Schönheit, andererseits Abwehr des
neuerdings kämpfenden Geschlechts durch Verlieblichung und
Verniedlichung: Im Maskenspiel werden die Kokotten sprachlich zu
„Kokotterln“ und dann zu Bahnhofskassierinnen, eine
schauerliche Megäre ist Chorclosettdame der Heilsarmee. Der
Nachwuchs, die Backfische, sind „Ragout der Unzucht, Fischerlsalat
des Teufels, sein pikantester Leckerbissen“ (M, 171). Cyparis
erscheint als das „schlangengeschmeidige Backfischchen von
der Traumreichswehr“; msie ist jedoch bloß ein „Amazonenbackfisch“
(M, 52), keine Amazone mehr. Die Irritation der Männer über
selbstsichere Frauen und die Nostalgie früherer bequemerer
Zeiten bekommt im Maskenspiel einigen Verhandlungsraum: „Die
harmlosen, molligen Mäderln, bequem wie Gummikissen gebe es
gar nicht mehr [...]. Diese Amazonenwirtschaft, diese verdammte,
die man doch seit Jahrhunderten totgeglaubt!“ (M, 54) jammert
der Greis und Lebemann Schebesta. „[...] es sei ja eine schreckliche
Veränderung mit dem weiblichen Geschlecht vor sich gegangen.“
(M, 53 f.) Trotzdem ist auch er „bis zum Irrsinn“ in
Cyparis, „diese glatthaxerte Hex“ (M, 54), verliebt.
Die „Herren“, die im Maskenspiel die alleinige Definitionsmacht
über gesellschaftliche Verhältnisse haben (Frauen oder
„Damen“ treten nur in Erscheinung und agieren ein bißchen),
orten zuerst einmal eine „Zweiteilung des schönen Geschlechtes
in das rein Matronale, das Nutzweib bis zum Viehweib hinunter –
und das Bübisch-Virginale des maskulinen, richtiger:
puerilen Zweiges“ (M, 69). Etwas später wird eine „dritte
Evolutionsepoche der Weiblichkeit“ (M, 398) heraufbeschworen,
in der die Erlösung folgt: Die Frau, Cyparis, ist zum entsexualisierten
Knabenwesen geworden und befördert den Mann ohne vorhergehenden
Geschlechtsverkehr ins Elysium.
Die grausamen Frauen und bösen Frauenrechtlerinnen verkommen
in typischen Männergesprächen über „die infantile
Amazonenhetärie“ (M, 69). Als Cyriak vorschlägt,
die Staatsgewalt dem jeweils schönsten Mädchen zu überlassen,
denn „ein wirklich schönes Mädchen ist eo ipso befriedigt
und daher lieb, nett“ und zumindest die Modeindustrie würde
in allen Ländern gedeihen, wird er zurückgepfiffen. Er
hätte den wunden Punkt berührt und solle nie wieder so
etwas äußern. Wenn „dieser zierliche, lippenstifthandhabende
Moloch mit den kleinen Brüstchen, den schmalen Hüften
und was
weiß ich mit was noch für Reizen“ an die Macht
kommt, „dann adieu Männerwelt [...] Das Militär
haben sie ja schon [...]“. (M, 169 f.) Trägerin dieser
Ängste ist wieder die knabenhafte Schöne. Die
Anspielung auf weibliche Soldaten ist ebenfalls nicht zu übersehen.
Bei Cyparis, die dieses androgyne Äußere verkörpert
(Cyparis kann sich sowohl von Kypris, einem Beinamen der Aphrodite,
herleiten, als auch von dem Jüngling Kyparissos) klammert Herzmanovsky-
Orlando außerdem die weib-weibliche Anziehung des Androgynitätsmythos,
wie ursprünglich von Platon konzipiert, völlig aus. Weiters
lässt Cyparis’ Gestalt die Frage zu, wie weit es mit
einer reifen, erwachsenen Erotik zwischen ihr und Cyriak überhaupt
her ist. Cyriak wird gleich zu Beginn nur als „Sohn angesehener
Eltern“ (M, 9) betitelt, hat keine Erfahrungen mit Frauen
und wandelt in einem magischen Reich stetiger Verwandlungen und
unechter Begegnungen, eher wie ein pubertierender Jugendlicher.
Auch die erotischen Zusammenkünfte der beiden gehören
zum Reich der Phantasie. Die göttliche Cyparis hat mehr kindliche,
knabenhafte Attribute, als die einer richtigen, erwachsenen Frau
und so stehen quasi zwei Knaben einander gegenüber, wenn man
es zugespitzt formulieren möchte. Ist das nun das Ideal jenseits
von Emanzipation und todbringender Weiblichkeit? Hermanovsky-Orlandos
Hinwendung zum „Puerilen“ erinnert an de Sades Verachtung
allem Mütterlichen gegenüber, seine Negation der Vagina
und die Vorliebe seiner Helden für den Analverkehr mit Frauen.

Conclusio
Herzmanovsky-Orlando karikiert erfolgreich die Feinmechanik eines
verrotteten Beamtenimperiums (Gaulschreck, CavaliereHuscher), demontiert
mit seiner Tarockei auf geniale Weise die Grundlagen des modernen
Staatswesens und das noch dazu in einer Zeit, in der Nationen sich
erst zu konstituieren begannen und fast jeder an sie glaubte. Außerdem
nimmt er im Maskenspiel der Genien mit der Aufsplitterung des Textes
in tausende Fraktale auf Kosten narrativer Stringenz die rhizomatöse
Schreibweise der DekontruktivistInnen vorweg (insofern ist das Maskenspiel
der Genien tatsächlich ein utopischer Zukunftsroman, der 1966
spielen könnte). Bei seinen Frauengestalten bleibt er jedoch
in den Schnittmustern der in seiner Zeit geläufigen Entwürfe
verhaftet – und in deren Ängsten. Die vielfachen Brüche,
die Weiblichkeitskonstruktionen gerade zwischen 1870 und 1930 erfahren
haben, sind bei Herzmanovsky-Orlando reduziert, vereinfacht, zusammengegossen
zu zwei Figuren: die dämonische Herrin über Leben und
Tod (Höllteufel, die Unbekannte im Zug) und das Knabenwesen,
als besserer Mann und bessere Frau (Cyparis). Es scheint, als ob
er sich mit diesen synthetischen Gestalten gegen das Hereinbrechen
aller anderen weiblichen Selbstinszenierungen und
Selbstentwürfe wappnen wollte. Und nicht nur das: Die schöne,
mächtige, zu allem fähige, auch mörderische Frau
ist möglicherweise bloß eine Ausrede des Helden für
sein Abdriften, Herumirren in einer Welt, die er nicht mehr zu verstehen
vermag, die ihre Orientierungspunkte verloren hat. Dies geht Hand
in Hand mit der Auflösung des männlich konstruierten Subjekts
angesichts eines aus den Fugen geratenen Universums: zuerst der
Zusammenbruch der Monarchie, dann das Herannahen des (post)modernen
Zeitalters, gekennzeichnet durch ein Verrinnen gesicherter Koordinaten
in allen Lebensbereichen. Die schöne, todbringende Unbekannte
ist da nur eine Randerscheinung.

Verwendete Literatur:
– Braun 1987 = Christina von Braun: Männliche Hysterie
– weibliche Askese. In: Karin Rick (Hg.): Das Sexuelle, die
Frauen und die Kunst. Tübingen 1987.
– Deleuze 1968 = Gilles Deleuze: Sacher-Masoch und der Masochismus.
In: Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz. Frankfurt/M. 1968.
– Hacker 1990=Hanna Hacker: Es ist eben ein Malheur wie ein
anderes. In: Sabine Perthold (Hg.): Rote Küsse. Ein Film-Schau-Buch.
Tübingen 1990.
– Hacker 1998 = Hanna Hacker: Gewalt ist: Keine Frau. Der
Akteurin oder eine Geschichte der Transgressionen. Königstein/T.
1998.
– Nietzsche 1946 = Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. Frankfurt/M.
1946.
– Mataja 1916 = Emilie Mataja (Pseud. Emil Marriot): Der abgesetzte
Mann. Roman aus der Zeit nach dem Kriege. Berlin 1916.
– Perthold 1990 = Sabine Perthold: Zeigt her eure Zähne.
In: Sabine Perthold (Hg.): Rote Küsse. Ein Film-Schau-Buch.
Tübingen 1990.

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