Glamorous Journey oder
 Marilyn Monroe stirbt nicht mehr

Glamorous Journey – eine Reise, die als realisierbarer Wunschtraum von Werbung und Medien allen Frauen für die Gestaltung ihres Lebens suggeriert wird. In der Wirklichkeit scheitert sie nicht nur an materiellen Unmöglichkeiten, sondern auch am strengen Korsett weiblicher Rollenbilder. Wie kann feministisch motivierte Literatur dagegen anschreiben? Gerade weil bestimmte normative Konzepte den weiblichen Körper als eindeutig kodieren, ist mir bewusst, dass jede Darstellung / Selbstdarstellung eine Gratwanderung zwischen Subjekt- und Objektposition, zwischen Selbst- und Fremdspiegelung ist.
In diesem Schwebezustand zwischen tradierten Weiblichkeitsrepräsentationen und Aufbruch befinden sich die bisexuellen und lesbischen Hauptfiguren in meinen Büchern. Sie tragen eine Verschiebung jener Rollenklischees in sich, die sie vordergründig bedienen sollten. Diese Verschiebung dient meinen Heldinnen dazu, Handlungsspielraum zu gewinnen, um neue Strategien auszuprobieren.

DAS GESCHÄFT MIT DER WEIBLICHKEIT

Spätestens in der Romantik wurde „Weiblichkeit“ als kritisches Konzept entdeckt, das sich gegen die Zwangsorganisation von Kultur und Gesellschaft ausspielen lässt (Perthold 1991, 15). Der „dunkle“ weibliche Kontinent als etwas, das sich dem Rationalitätsprinzip widersetzt unterliegt heute jedoch der Vereinnahmung durch den kapitalistischen Komplex von Mode-, Medien-, und Freizeitindustrie. Vermarktung kann alles schlucken, auch Gegenkulturen und Utopien. So erschuf sich der österreichische Castingshow-Teilnehmer Tom Neuwirth als vollbärtige, langhaarige, weibliche Kunstfigur Conchita Wurst neu. Anfänglich war diese Travestie möglicherweise als widerständiger Schritt geplant, Conchita fand sich aber alsbald als Dauergast im Boulevard wieder, wurde vom ORF gezielt als Export des toleranten, modernen Österreichs zum Eurovisions Song Contest geschickt und gewann diesen prompt mit einer Mischung aus unvergleichlich glamourösem Auftritt und Gebaren, grandioser Stimme und dem prophetischen Aufbruchssong „Rise like a Phönix“. Alll das machte ihn/sie weltweit berühmt. Ein anderes Beispiel für den gezielten Einsatz eines chirurgisch transformierten Körpers zu Marketing-Zwecken finden wir in der Tanzperformance „The Crimson House“ des polynesischen Choreographen Lemi Bonifasio. Er besetzt den/die bekannte transsexuelle Künstler/in Nina Arsenault mehr als Lockvogel für die herbeiströmende Community, anstatt die Position von Transsexualität szenisch zu reflektieren. Aufgabe feministischer Literatur darf es sein, kraftvolle Gegenentwürfe zu diesen Klischees anzubieten und Heldinnen zu schaffen, die dem entkommen. Ich habe mir überlegt, was den gemeinsamen Nenner meiner Hauptfiguren ausmacht und bin auf verschiedene Varianten der Garçonne gestoßen, wie sie – zeitgenössisch geprägt – tatsächlich existieren könnten.

GARCONNE ALS AUSBRUCH

Die Garçonne, auch flapper genannt, bündelte in den 1920er Jahren Ausbruchsphantasien von Frauen aus der wirtschaftlichen und/oder emotionalen Abhängigkeit, die die heterosexuelle Ehe als einzige Existenzgrundlage für Frauen darstellte; das Bild der Garçonne entstand in jener Zeit, in der Frauen erstmalig in großer Zahl berufstätig wurden und eigenes Geld verdienten. Die Garçonne belegte eine große Bandbreite von imaginierten oder realen, unabhängigen und deshalb als dominant gesehenen Frauengestalten – der Rebellin, der grausamen Frau, der Duellantin, der femme d’attaque, der Artistin, sowie Betrügerinnen aller Art. Meist wurde sie bisexuell dargestellt, oft als gegenkulturelles Symbol für lesbische Ausdrucksformen. (Hacker 1991) Die Sexualwissenschaft der 1920er Jahre gestand ihr sogar ein drittes Geschlecht zu.

Die Garçonne prägte auch den literarischen Diskurs der Epoche, was sich anhand des Lebens und Werks des österreichischen Schriftstellers Fritz von Herzmanovsky-Orlando gut dokumentieren lässt: Er verliebte sich in eine Peitschen schwingende, auch Frauen liebende Libertine, die er heiratete und liebevoll Panthera nannte. Er schrieb zudem drei Romane, in denen der Held durch eine unbekannte, starke, idealisierte, männliche Frau zu Tode kommt, die aus dubiosen Künstlerkreisen stammt. Die Garçonne dieses Typs nimmt im Maskenspiel der Genien die Gestalt der Cyparis, einer mal androgynen Gauklerin, mal Nymphe, mal Kriegerin an und steht für die Androhung der Vernichtung des Männlichen durch eine dem flapper nachempfundene Fremde, Erscheinung, Traumgestalt. Vernichtungsängste, aber auch Rettungssehnsüchte der Männer sind mit diesem Frauentypus bis heute verbunden. In Luc Bessons Science-Fiction-Film Das fünfte Element aus dem Jahr 1997 spielt Milla Jovovich ein soziophobes, unangepasstes, androgynes Wesen, das die Erde retten wird. Bezeichnend für Bedeutung der Garçonne bei Besson ist, dass er sich zwei Jahre später mit einer anderen „virginal-puerilen“ Retterin befasst. Seine Jeanne d’Arc ist eine moderne Identifikationsfigur, ebenfalls mit der kraftvoll agierenden Jovovich besetzt. Eine der prominenten zeitgenössischen Mediengestalten, die in ihren Shows immer mit Versatzstücken der Garçonne gespielt hat und damit zumindest die 1980er Jahre revolutionierte, ist Popstar Madonna. Heute wird sie vom ‚bastardisierten‘ Zitat ihrer selbst, von der, wie die New York Times schreibt „post-sexuellen“ Lady Gaga abgelöst. War Madonna auf Provokation per se aus, so steht hinter Lady Gagas Auftritten ein theoretisches Konzept der Dekonstruktion identitätsstiftender Referenzsysteme. Die Achtziger sind längst vorbei und mit der Garçonne ist keine Aufbruchsphantasie, auch kein kämpferischer, subversiver Impetus mehr verbunden. Es geistern magersüchtige Models als Inkarnation des Schlankheits- Schönheits- und Jugendlichkeitswahns durch Modemagazine und über Laufstege. Frauen funktionieren als Mütter, Karrierefrauen und Alltagsverführerinnen gleichzeitig und rund um die Uhr – da ist kein Ausbruch möglich.

GEGENBILDER BELEBEN

Umso mehr muss die Garçonne literarisch wieder belebt werden. In meinen Büchern sind einige Varianten der Garçonne als Rebellin, als Kämpferin zwischen den Spiegeln von Weiblichkeit zu finden. Die lesbischen oder bisexuellen Protagonistinnen meiner Romane sind eigenwillig, vestimentär auffallend, dress-codes missachtend oder parodierend, politisch aufsässig oder im Berufsleben zumindest unbequem. Felicitas aus Cote d’Azur und aus Sex ist die Antwort ist die elegante, auf dem gesellschaftlichen Parkett versierte Intellektuelle in ständig changierenden Rollen, die sich als Geliebte täglich neu und anders entwirft: „Sie ist manchmal die leidenschaftliche Primadonna, dann das kleine Streichelwesen“ (Rick 1993,15); doch mit ihrer Sprache kann sie vernichten, denn „ihre Sätze prasseln wie Hagel auf die Welt nieder“ (Rick 2006, 75). Anita, die burschikose, sportliche Mutter in Chaosgirl, die statt ihrer Söhne auf Bäume klettert, hat „etwas zerzaust Jungenhaftes (…), Gang aus den Hüften heraus, bauchlos, schmales Gesicht und etwas unsicher Ungelenkes“ (Rick 2009, 8) und hebt durch ihr Leben und ihre Erscheinung die „Zweiteilung des schönen Geschlechtes in das rein Matronale (also Mütterliche) und das bübisch-virginale des maskulinen-puerilen Zweiges“ (Herzmanovsky-Orlando) auf. Sie ist Lebenskünstlerin, jongliert zwischen Mutterrolle und „männlichem“ Draufgängertum. Alle ihre Handlungen geschehen auf einem Terrain ohne unmittelbare, positiv besetzte weibliche Vorbilder und sind immer vom Scheitern bedroht.

HER MIT DEN AMAZONEN

Die Figur der Amazone eignet sich ebenfalls dazu widerborstige Frauenfiguren aufs Parkett zu bringen. Gini aus Furien in Ferien ist die Streunerin, die Vagabundin, die Polit-Aktivistin, die ständig im Clinch mit staatlichen Ordnungsmächten liegt und von den gesellschaftlichen Rändern aus agiert. „You take the car or I fuck you“, sagt der Autohändler. „No, I fuck YOU!“ kontert sie. (Rick 2004, 39)
Kaye, die Lederfrau aus Sex ist die Antwort, mimt bei sexuellen Spielen mal den Strichjungen, mal die vulgäre Domina. „Sie kommt in einem engen Lederrock in das Zimmer. Nackte Schultern, schwarze Strümpfe, Schuhe mit spitzen, hohen Hacken. Diese Kleidung schaut an ihrem Körper dissonant aus. Sie ist ja keine Lady sondern ein Lausbub, ja ein Straßenjunge, mit der gelbroten Strähne, die ihr ins Gesicht schwappt, und nun dieser Rock – eine Maskerade. (…) Picksüß weiblich ist sie.“(Rick 2006, 63)

MYTHOS SCHÖNHEIT

1990 ortete Naomi Wolf weiblichen Schönheitskult als neuen Fundamentalismus, der der soeben gewonnenen Freiheit von Frauen im Wege stehe. Mit seinen archaischen Riten, Sakramenten und Kontrollsystemen, Schönheitswettbewerben, Juroren, Fotografen bis zu den ganz normalen Männern auf der Straße, die alle als Vertreter einer angeblich übergeordneten, göttlichen Autorität fungieren, präge er Politik, Gesellschaft und Ökonomie einer gesamten Epoche. Schönheit als Währungssystem. Schönheit als Berufseignungskriterium für Frauen. „Schönheit“ muss von allen Frauen erreicht werden und geht einher mit „Jugend“, dem Hype von Model-Berufen und Schönheitsoperationen.
Mittlerweile wurde dieser Tatbestand aufgeweicht. Auch Männer unterziehen sich Schönheits-OPs, verwenden Kosmetika und Fitness, als Resultat der Arbeit am eigenen Körper, gehört zur Berufsqualifikation. Und auf Laufstegen finden sich heute neben 16-jährigen auch Silver-Models wie Evelyn Hall, Schauspielerin, Ballerina und Model, die als 65-jährige bei der Berliner Fashion Week mitlief. Sie setzen neue Trends und bringen das Alter in die Öffentlichkeit zurück. Aus kommerziellen Gründen überleben heute auch Divas und werden mit uns alt. Die „femme fatale“ besitzt heute kein Ablaufdatum mehr, die Bilder-Skala reicht vom Sex-Symbol à la Marilyn Monroe bis zur burschikosen Tilda Swinton. Kleine Schwächen werden zur Trademark. Kaum wahrnehmbare „Lücken“ im System der glatten, austauschbaren Fassade evozieren in ihrem Gegenüber emotionale Regungen.
Felicitas in Sex ist die Antwort ist mit verrutschter Schminke besonders liebenswert: „[Sie] nimmt die Brille ab und ich sehe, dass ihre Augen müde sind, die Schminke ist verwischt, so wirkt das Gesicht auf anziehende Weise zerstört. (…) Mir entkommt, wie auch früher immer, ein leiser, kleiner Ausruf, der sagen soll, ‚ich verfalle dir unverzüglich‘.“ (Rick, 2006,99)

TRICKSTER ALS OPTION

Ich plädiere außerdem für die Wiederbelebung oder -besetzung der Figur des weiblichen „Tricksters“ in der Literatur. Er ist als ambivalente und listenreiche Erscheinung eine gute Option für ein weibliches Verhaltensrepertoire und verkörpert das Prinzip der Vereinigung von Gegensätzen. Madonna wird bisweilen als Trickster bezeichnet, die „als schlaue Füchsin des Pop-Geschäfts mit frevlerischer Bildgewalt vom revolutionären, religions- und gesellschaftskritischen Inhalt ihrer Musik ablenkt.“ (Caramanica) Anita in Chaosgirl agiert wie das Sandkorn im Getriebe des staatlichen Kontrollapparates und treibt dort listig ihr subversives Unwesen. Es geht also auch in der Literatur darum, dass „diese Amazonenwirtschaft, diese verdammte, die man doch seit Jahrhunderten tot geglaubt“ (Herzmanovsky-Orlando, 54), sich offensiver gebärdet und wieder sichtbarer wird.

LITERATUR
CARAMANICA, JON (2010): The Age of Gaga Rages Absurdly On, in: The New York Times, August 2
HACKER, HANNA (1991): Es ist eben ein Malheur wie jedes andere, in: Rote Küsse, ein Filmschaubuch; Sabine Perthold (Hg.). Tübingen
HERZMANOVSKY-ORLANDO, FRITZ von (1989): Das Maskenspiel der Genien, (Österreichische Trilogie III). SW., Bd III; Susanne Goldberg (Hg.) Salzburg und Wien
PERTHOLD, SABINE (1991): Zeigt her eure Zähne, in: Rote Küsse, ein FilmSchauBuch; Sabine Perthold (Hg.). Tübingen
RICK, KARIN (1993): Cote d’azur – zwei Frauen, eine Liebesgeschichte, Erzählung. Wien
RICK, KARIN (2004): Furien in Ferien – ein Lesbosabenteuer, Roman. Berlin
RICK, KARIN (2006): Sex ist die Antwort, Roman, Neuauflage. Tübingen
RICK, KARIN (2009): Chaosgirl, Roman. Tübingen
WOLF, NAOMI (1991): Der Mythos Schönheit. Reinbek bei Hamburg

Karin Rick, Glamorous Journey, Essay in: aep, Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Nr. 2/2014, Innsbruck.

 

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