Psychogramm einer heterosexuellen Liebes- und Hassgeschichte

Svjetlan Lacko Vidulić über mein Buch „Böse Spiele“.

ist das Psychogramm einer heterosexuellen Liebes- und Hassgeschichte, die sich in mehreren, zeitlich getrennten Episoden in Wien, Paris und Frankfurt abspielt. Das Protokoll dieser Beziehung, sprachlich und psychologisch mit knappen aber präzisen Mitteln gestaltet, ist durchgehend im Präsens gehalten und folgt der Perspektive der weiblichen Protagonistin Helene. Dank der konsequenten personalen Perspektive

können wir unmittelbar verfolgen, wie der Wandel in Helenes Lebenslage und die Entwicklung ihrer Beziehung zu Johann andere Aspekte des Selbst oder des Gegenübers hervorkehren oder erkennen lassen; Aspekte, die nun, in der subjektiven Sicht des personalen Erzählmediums, den Horizont der Wahrnehmung beherrschen. Psychologisch plausibel wird so die Heterogenität und Wandelbarkeit des Selbst- und Fremdbildes und die genuine Widersprüchlichkeit affektiver Beziehungen vor Augen geführt.

Helene, dreißig, angehende Kulturmanagerin, erscheint vor und zu Beginn ihrer Beziehung mit Johann als selbstbewusste, intelligente und attraktive Frau, die ihre sexuellen Reize gekonnt und selbstsicher als Mittel der Verführung und Beherrschung einsetzt. Johann, freischaffender Journalist und Philosoph von Berufung, wird von Helene als hoch gebildeter Lebensästhet geachtet, als aufdringlicher Angeber mit schamlosem Macho-Gehabe jedoch auf Distanz gehalten. Sie kommen sich näher in einem tastenden Spiel der Verlockung und Abstoßung, entwickeln schließlich eine diskontinuierliche, episodenhafte Beziehung, geleitet von widersprüchlichen Wünschen nach Zuneigung und Unterwerfung, Bindung und Distanz. Hatte Helenes durchdringender Blick von Anfang an in Johanns Verhalten die feinen Brüche einer tieferen Unsicherheit ausmachen können, so werden im Verlauf der Beziehung die massiven narzisstischen Lücken im Wesen beider Figuren und die innere Dynamik ihrer ´bösen Spiele´ freigelegt. Helenes ungesicherte berufliche Position im Wiener Kulturbetrieb, ihre unterschwellige emotionale Bindungslust kehren ihre Unsicherheit und Verletzbarkeit hervor; Johann, im Kulturbetrieb zu Hause, nutzt diese Schwächen als strategisches Mittel der Einflussnahme, Beherrschung und Erniedrigung. Die Sexualität bringt den Ausgleich: Helene ist geil und selbstbewusst, Johann dadurch verunsichert und gehemmt.

Als Johann „bemerkt, dass sie für Schmerz empfänglich ist“ (BS 72), wird Sex zum sadomasochistischen Ritual, das von nun an ihre Beziehung prägt. Mit großem psychologischen Feingefühl wird die Innensicht der perversen Gelüste entworfen, werden die einzelnen Spielarten sadomasochistischer Inszenierung in ihrem Verhältnis zu anderen Aspekten der Paarbeziehung entwickelt – von Helenes ekstatischer Hingabe an Schmerz und Gewalt (BS 72ff., 87ff.), über den Lustgewinn des affektlos kontrollierten Schmerzes (BS 102ff., 126ff.), bis zur Umkehrung der gewohnten Rollen (BS 134ff.). Die Beziehungsgeschichte insgesamt kann gelesen werden als ausgeklügeltes Protokoll der sadomasochistischen Dynamik, wie sie im Buche steht: Narzisstische Lücken sind erkennbar, die es im perversen Ritual zu kompensieren gilt, die ätiologische Bedeutung der Mutter-Beziehung wird angedeutet, Gewalt und Schmerzbeherrschung erweisen sich als Kampfmittel gegen die Angst, Verschmelzungswunsch und Abgrenzungsbedürfnis bekämpfen sich in der Kompromissbildung der inszenierten Gewalt-Liebe, die Grenze zwischen sadistischer und masochistischer Position erweist sich als unscharf.

Das differenzierte Protokoll der Beziehungsgeschichte legt das enorme Gefälle von Stärke und Schwäche, Selbstgewissheit und Selbstzweifel frei, das in beiden scheinbar bruchlos koexistiert. Helene bleibt in der Beziehung jedoch die Überlegene, nicht nur aufgrund der elaborierten Reflexion, die ihrem Bewusstseinshorizont folgt, und die uns Helenes Innenleben, Johanns Verhalten und die Entwicklung der Beziehung mit dem durchdringenden Blick Helenes sehen lässt. Überlegen ist Helene im Umgang mit ihren Schwächen, in der Beherrschung ihrer Defizite: Helene gesteht sich das Verlangen nach Hingabe und Geborgenheit ein, Johann wird von der Bindungsangst beherrscht; Helene ist weniger abhängig von der paraphilen Symptomatik als Johann, für den die sadistischen Praktiken zur Voraussetzung für sexuelle Lust werden. Selbst in der masochistischen Rolle bleibt sie ihrem Peiniger überlegen, dank der oszillierenden Identifikation und der souveränen Situationskontrolle:

Sie ist nicht mehr sie selbst, wenn er sie schlägt. Sie ist er. Er, der schlägt, geschlagen wird. Erst wenn sie es nicht mehr aushält und will, dass von ihm Zärtlichkeit kommt, ist er wieder der andere, der vor ihr, der, der sie hegen und wiegen soll. (BS 95)

Durch ihre Zuneigung dominiert er. Sie lässt zu, dass er die Situation beherrscht und ahnt in jeder Sekunde, dass er das nie kann, sich selber immer dazu verurteilt, sich zu ducken und zu unterwerfen. Sie gefällt sich darin, ihn übermächtig werden zu lassen und der Willkür seiner Zärtlichkeiten ausgesetzt zu sein, die bis zum Schmerz sich steigern. (BS 95f.)

Wie denken die Figuren über ihre sexuelle Paraphilie, wie fügt sie sich in ihren Lebensentwurf? Johann sorgt sich um sein Ansehen als linker Intellektueller, das mit dem Bekantwerden seiner sadistischen Praktiken gefährdet wäre, und er verdrängt die eigene paraphile Neigung, indem er sie zunächst ausschließlich Helene und ihrer selbstbewussten, ´obszönen´, eben ´perversen´ Sexualität zuschreibt, in das Repertoire seiner gegen Helene gerichteten Beleidigungen aufnimmt und damit abzuwehren sucht. Helene stört sich nicht an der ungewöhnlichen Form ihrer sexuellen Befriedigung und nimmt sie als integralen Bestandteil der Beziehung: „- Du findest dich also nicht pervers, Helene? Das ist alles ganz normal?/ – Ganz normal, und mir geht´s herrlich.“ (BS 97)

Die abschließende Episode der Beziehung, die am letzten Tag der Buchmesse in Frankfurt spielt, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Charakter der Beziehung. Nach monatelanger Trennung begegnen sich die beiden an einem Messestand und verbringen den Abend im Taumel gegenseitiger Zuneigung. Die Karten der Lebenslagen und Verhaltensmuster sind noch einmal gründlich gemischt: Helene hat in der Arbeit inzwischen Fuß gefasst und bietet Johann keine Angriffsfläche mehr; Johann verzichtet auf die Inszenierung seiner Überlegenheit und das übliche Konkurrenzgehabe, er nimmt sie als ganze Person, gesteht gar seinen Respekt vor ihrem Intellekt und die Angst vor der Stärke ihrer Persönlichkeit; er gebärdet sich zuvorkommend, leidenschaftlich, ja verliebt – und ohne Züchtigung kommt er zur Erektion. Ein Höhepunkt seines Übermuts ist die Rede von Liebe, deren Abwehr sonst sein Programm war: „- Weißt du, daß wir ein klassisches Liebespaar sind?, sagt er übermütig./ – […]/ – Mit allem, was dazu gehört, Anziehung, Abstoßung, sich zurückziehen vor dem anderen…/ – Wer sagt das?/ – Jemand, der uns gut kennt.“ (BS 162) Helene bleibt jedoch skeptisch:

Mit der gleichen Stimme, mit der er sie sonst kränkt und erniedrigt und sie obszön und geil findet, pervers, sagt er ihr, daß man fast nur sie lieben soll, ´man´ und ´soll´ und ´fast´. Weil ihm jemand anderer ein Resumé geliefert hat über ihn und sie, ist ihre Geschichte real. Weil sie erzählbar ist, nachzuvollziehen, zu vergleichen, darf er an sie glauben. Jemand sagt ihm, daß das Liebe ist, was sie einander antun, und schon sind sie zum Liebespaar geworden. Klassisch! Soll sie etwa glauben, daß die großen Liebenden der Welt in ähnlicher Weise aneinander vorbeigegriffen haben?“ (BS 164)

Durch die Bemerkung einer Außenstehenden in das Repertoire der bekannten, nachvollziehbaren Verhaltensmuster eingefügt, kann die zerfahrene Beziehung zu Helene auch in Johanns Sicht vorübergehend die Anstößigkeit des sozial suspekten Verhaltens verlieren und vom Unbehagen ob seiner Unzulänglichkeit im Beziehungsleben befreit werden. Die Bemerkung vom ´klassischen Liebespaar´, die in Helenes und in des Lesers Sicht freilich bitter-ironisch klingt, trifft in einem bestimmten Sinne dennoch zu. Eine Beziehung, die sich ohne Vorstellung von Dauer und Verpflichtung, in unsteten Episoden, im hektischen Kampf um Anziehung und Abstoßung erschöpft, eine Beziehung, die eigene Regeln und Rituale entwirft für eine Leidenschaft, die durch lange Trennung säuberlich von Leib und Seele gehalten und zugleich im Letalzustand des ewig Neuen konserviert wird – ´klassisch´ ist diese Beziehung im Sinne ihrer zeitgenössischen Typik: ein extremer Modellfall der ´reinen Beziehung´.

Ein festes Paar, gar ein liebendes, wird aus den Episodenspielern freilich nicht werden, die Beziehung selbst scheint ein Ende zu nehmen. Das neuerlangte Selbstvertrauen Helenes und die ungewöhnliche Umgänglichkeit Johanns – der heute seiner Ängste und Hemmungen weitgehend enthoben scheint, offen von seinen Schwächen spricht, einer verschwommenen Idee der Liebe verfällt, mit seinen paraphilen Wünschen unverkrampft und spielend umgeht -, bringen die Verhältnisse ins Schwanken. Helene scheint die fragile Machtkonstellation und die bisher herrschenden Affekte in dem Kampf um Bindung und Abwehr, um Fremd- und Selbstbeherrschung nicht entbehren zu können. Die Fronten sind verwischt, die Leidenschaften entschärft und durch nüchterne Skepsis überlagert; die bösen Spiele, noch gestern als todernst empfunden, haben nun jeden Reiz verloren. Zeit zum Aufbruch: „ Es ist, als würde sie draußen etwas versäumen, wenn sie noch länger reglos hier liegt.“ (BS 182).

Noch radikaler in der Umsetzung des Programms einer selbstbestimmten und subversiven weiblichen Erotik ist der bislang letzte Roman der „potenteste[n] frauengeneigte[n] Autorin im Lande“.

(Auszüge aus: S. L. Vidulic, Lieben heute)

Svjetlan Lacko Vidulić ist Dozent am Institut für Germanistik der Universität Zagreb, Kroatien, Forschungsschwerpunkte: Wiener Moderne, Deutschsprachige Literatur nach 1945, gender studies; Der Jugoslawienkrieg in der deutschsprachigen und kroatischen Literatur. Letzte Veröffentlichung: Lieben heute, postromantische Konstellationen der Liebe in der österreichischen Prosa der Neunziger Jahre, Praesens Verlag, Wien 2007. Ausschnitte und Erkenntnisse obigen Artikels fanden in „Lieben heute“ Eingang.

Hinterlasse eine Nachricht