Und ewig lockt die Pornografie

erschienen in: Weiberdivan, feministische Rezensionszeitschrift, Sommer 2018
https://weiberdiwan.at/cms/wp-content/uploads/2018/07/WD_01_2018.pdf

Soll man de Sade verbrennen? Soll frau Pornografie verbieten? Die Zeit, als diese Fragen für mich virulent wurden und mein Schreiben beeinflussten taucht vor meinem geistigen Auge auf, wenn ich das neue Buch von Nina Schumacher, „Pornografisches – eine Begriffsethnografie“, das mir zur Rezension übergeben wurde, aufschlage. Das Verbotsthema wurde in den späten 80ern auch in Österreich leidenschaftlich diskutiert, als die PorNO-Kampagne Alice Schwarzers – mit dem Entwurf einer Zivilrechtsklage gegen Pornografie nach amerikanischem Vorbild wegen „Verletzung der Würde der Frau“ – auch zu uns kam. Pornographie – gesehen als Bild und Film gewordener Frauenhass, als gewalttätige Handlung, gar Vergewaltigung, verklagbar von jeder Frau, die sich von diesen Bildern und Filmen angegriffen fühlte. Eine von einem solchen Gesetz verursachte Klagsflut sollte die großen Pornoproduzenten in die Knie zwingen. Die „Sex Wars“, die daraufhin unter Feministinnen darüber entbrannten, was gezeigt, gefilmt, fotografiert und geschrieben werden dürfe, und was ‚gute‘ weibliche Sexualität und deren Ausdruck sei, korrelierten mit meinem Debut als Erotik Autorin.

PorNO betrat die mediale Szene just zu einem Zeitpunkt, als kleine feministische Verlage mit Sexgeschichten von Frauen in der Öffentlichkeit größere Bekanntheit erlangten. Der Erzählband „Domino mit Domina“ vom Wiener Frauenverlag stand für das Wagnis, dem Wort Feminismus das Wort weibliche Lust hinzuzufügen und die zehntausend Exemplare der ersten Ausgabe wurden innerhalb kürzester Zeit verkauft. Claudia Gehrke etablierte ihr Jahrbuch der Erotik. Für beide Verlage schrieb ich, und das Verfassen von Texten über weibliche Erotik ging Hand in Hand mit dem Zwang zur theoretischen und politischen Rechtfertigung eines solchen Schreibens. Theorie und Literatur verschränkten sich für mich damit gleich zu Beginn.

Film-Produzentinnen, Verlegerinnen und Autorinnen fürchteten durch die Kampagne eine neue Zensur. In Österreich gab es noch den Strafrechtsparagrafen §220 –  das Verbot der „Werbung für gleichgeschlechtliche Unzucht“. Darunter fielen auch lesbische und schwule Pornos. Diese galten als „harte Pornografie“ und waren bis 1997 verboten.

Die Angst war groß, dass Zivilrechtsklagen sich gegen experimentelle Formen erotischen Schreibens und Filmemachens richten könnten, solche, die nicht normkonform waren. Feministische Politik, die früher Synonym für die sexuelle Befreiung von Frauen war, schien mit PorNO ihre eigene Antithese zu produzieren.

Daher ließ die Rebellion gegen Schwarzers Vorstoß nicht lange auf sich warten. Schnell erschienen Bücher wie „Frauen und Pornografie“ bei Claudia Gehrke, „Pornost“ bei Brigitte Classen, „Frauen, Gewalt, Pornographie“ im Wiener Frauenverlag, um nur einige zu nennen. Die Beiträge waren teils emotionsgeladen, teils ironisch, vielfach wissenschaftlich oder literarisch.  Viele plädierten für eine „weibliche, feministische Pornografie“.

Positiv an diesem Kampf war, dass über weibliche Sexualität und deren Ausdruck, ja sogar über BDSM als eine legitime Spielart des Sexuellen überhaupt einmal laut nachgedacht wurde. Manche Frauen sahen im Zuge von „Porno-workshops“ den ersten Porno ihres Lebens, lesbisch-queere Sexualität und butch-femme Identitäten bekamen größere Aufmerksamkeit. Und das hat Auswirkungen bis heute. Ein Blick in die Ausgabe 2018/III der An.Schläge zeigt das neue Selbstbewusstsein der Femmes und Butches der immer noch vorhandenen Abwertung ihrem Gender gegenüber.

In der Zeit nach PorNO formierte sich die Bewegung sexpositiver Künstlerinnen und Post-Porn Aktivist_innen. Laura Meritt gründete das PorYES Filmfestival in Berlin. Porn-Studies entstanden, die die Diskussion billigen Kontroversen entzogen und sie akademisierten.

Und heute? War PorNO naiv, don-quijotesk? Ist queerer Post-Porn genug Subversion? Was ist Pornografie? Nina Schumacher zieht Bilanz und konfrontiert jede Position mit deren Gegenteil, was zu einer von mir als erfreulich erlebten Unparteilichkeit führt. Tatsache ist: Pornografie, der Gegenstand ihrer Forschung, läuft dieser quasi immer voraus, so schnell verändern sich die technischen Möglichkeiten sexuell explizite Bilder und Filme zu produzieren und zu verbreiten. Vieles, was früher nicht zur kulturell akzeptierten Bilderwelt gehörte, ist heute via Internet Mainstream geworden. Das erschwert die Begriffsbildung. Portale wie you-porn.com funktionieren wie normale youtube Seiten. KulturpessimistInnen sprechen von einer zunehmenden „Pornografisierung der Gesellschaft“, von der Verwahrlosung der Jugend, ohne solche Tendenzen seriös belegen zu können. Pornografie gilt als Metapher eines Werteverfalls.

Solche Urteile sind vorschnell und einengend, so Schumacher. Auch der Begriff „Pornoästhetik“, verwendet für die Folterfotos von Abu Ghraib führt in die Irre, verwechselt er doch die Darstellungsform mit den Täter_innen, Sexualität mit Gewalt und die Ästhetik gewisser Sexualpraktiken mit Pornografie. Er stigmatisiert BDSM und macht Pornografie zum Sündenbock für die Verrohung des Militärs.

Wenngleich der Begriff Pornografie sich laut Schuhmacher kaum fassen lässt, so wohnt allen Definitionen doch Gemeinsames inne, und das ist auch für mein erotisches Schreiben spannend:

Pornografie ist immer das, was sich – je nach Epoche anders bewertet – in der Nähe eines Tabubruches befindet und damit negativ konnotiert ist. Sie provoziert die Ausreizung der persönlichen Schamgrenzen, weil sie auf die Bühne der Öffentlichkeit bringt, was im Verborgenen zu bleiben hat. Beim Zuschauen erzeugt sie Scham-Angst-Lust, ist voyeuristisch und sensationsbehaftet, bringt eine verbotene Nähe zu einem, angeblich authentisch gezeigten Objekt, die nicht sein darf. Geschaut wird aus „Lust um ihrer selbst willen“, einer Lust jenseits sozialer Verantwortlichkeit, die immer schon verpönt war. Obszön, „off-scene“ und pornografisch – beides wird häufig aufeinander bezogen.

Kein Wunder, dass sich die Definition von Pornografie seit neuestem auch an Produkten versucht, die nicht einmal mehr das Sexuelle brauchen, um als pornografisch bewertet zu werden: Ekel und Torture Porn, Social Porn sind empörte Sammelbezeichnungen für mediale Formate, die von der Schaustellung „authentischen“ Elends leben und von der ungehörigen Teilhabe der Zuschauer_nnen daran.

Schuhmacher gibt einen Überblick über die gegenwärtige Forschung. In ihren „situation maps“ benennt sie all jene Akteur_innen, die im „Feld Pornografie“ zugange sind, den Diskurs  konstituieren, beeinflussen, weiterführen. Von Gesetzestexten, Konstrollinstanzen bis zu Kunstprodukten; von politischen Aktivist_innen, Nutzer_innen und Darsteller_innen bis zu massenmedialen Produkten auch im Internet zieht sich die komplexe Arena des Pornografischen.

Schade, dass dieses umfassende, spannende Buch nur Filme nicht aber Texte miteinbezieht. Denn einem Text das Etikett „pornografisch“ zu verpassen vernichtet ihn als literarisches Werk.  Und ist nicht das vorliegende Buch selbst Pornografie? Google zumindest sieht es so. Da schreibt die allwissende Suchmaschine: „Pornografisches Buch von Nina Schuhmacher portofrei bei weltbild.at.“ Ein neuer Fall für eine Begriffsethnografin? 

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