Kein Theater mit der Freiheit

Nachdenken über Feminismen & Befreiung

Vortrag im Rahmen des Symposiums des Verbands feministischer Wissenschafterinnen

Meine Bücher und Texte nahmen ihren Anfang in den sexuellen Befreiungsbewegungen der 80er und 90er Jahre. Freiheit und sexuelle Lust und die Lust darüber zu schreiben sind für mich eng gekoppelt. In meinen ersten Texten der 90er Jahre, vor allem in den beiden Romanen „Böse Spiele“ und „Sex ist die Antwort“ ist sexuelle Perversion – auf der thematisch motivischen und auf der produktionsästhetischen Ebene – Quelle weiblicher Lust. Diese lustvoll aggressiven Sexualinszenierungen wurden vom Feuilleton gerne als Ausdruck einer neuen Sexwelle gesehen. Dabei wurden jedoch die Grenzen zwischen einer sexuell immer mehr aufgeladenen Werbeindustrie und kritisch-hedonistischen Positionen in der Literatur von Frauen übersehen. In dem Band „Frauen und Pornographie“ verfassten Frauen, unter anderem auch ich, kritische Artikel zu der „PorNO-Debatte. Die Plädoyers für eine „weibliche Pornographie“ richteten sich gegen zwei Normen bezüglich weiblicher Sexualität: den Objektstatus der Frau in der pornographischen Massenkultur und die feministische Norm einer „guten“ weiblichen, sanften, sauberen Sexualität. Dass es die nicht gibt, machten auch Filme der Subkultur deutlich, wie sie z.B. Sabine Perthold in dem Band “Rote Küsse“, ein Filmschaubuch erstmalig katalogisierte.

„Frauen“, schrieb ich, „sind lasterhaft, lieben die Übertretung von Tabus und die Darstellung von Schmutzigem, von dem, was der Moral widerspricht, das Obszöne ist an kein Geschlecht gebunden.“ Dieses Bekenntnis zu „Geilheit“, „Schmutz“ und „Schund“ und zur Übertretung von Tabus umfasst natürlich auch die Perversion. In dem Kontext der damaligen Debatte um den „weiblichen Masochismus“ verteidigte ich die „Darstellung erotischer Unterwerfungsphantasien“ und der „SM-Sexualität von Frauen“, mit dem Argument, dass in einer von Machtbeziehungen durchzogenen Gesellschaft „die Lust an der Unterwerfung des/der anderen“ ein „ganz wesentlicher Aspekt unserer Gesellschafts- und Persönlichkeitsstruktur“ ist. „Wieso sollen Frauen die Machtfrage in der Sexualität nicht stellen dürfen, das Phantasma der Unterwerfung des anderen bildlich nicht ausleben können – und wäre es nur als Parodie, als Witz, als Satire, als Traum oder Imagination.“

Die Romane ‚Böse Spiele’ und ‚Sex ist die Antwort’ entwerfen eine Innensicht der perversen Gelüste der Protagonistinnen und entwickeln die einzelnen Spielarten sadomasochistischer Inszenierungen zu anderen Aspekten der Paarbeziehung: in ‚Böse Spiele’ (heterosexuelles Paar) wird der Weg von der ekstatischen Hingabe der Protagonistin an Schmerz und Gewalt über den Lustgewinn der Selbstbeherrschung bis zur Umkehrung der gewohnten Rollen nachgezeichnet. Die Beziehungsgeschichte der ‚Bösen Spiele’ selbst kann als Protokoll der sadomasochistischen Dynamik gelesen werden: z.b. narzisstische Kränkungen, die es im sadomasochistischen Ritual zu kompensieren gilt, Verschmelzungswünsche und Abgrenzungsbedürfnisse, Schmerzbeherrschung als Kampfmittel gegen Angst. Die ‚Bösen Spiele’ betreiben auch die Relativierung konventioneller Gender-Prototypen.

‚Sex ist die Antwort’, eine lesbische Dreiecksgeschichte, ist noch radikaler in der Umsetzung meiner Vorstellungen von einer selbstbestimmten und subversiven weiblichen Erotik. Die Handlung des Romans spielt in der Wiener Lesbenszene der frühen 90er Jahre, die Ich-Erzählerin steht zwischen ihrer ehemaligen, „sozialkompatiblen“ Freundin und der aktuellen Geliebten, einer sadomasochistischen, pornographischen Künstlerin, die Objekte wie überdimensionale, zwei Meter hohe Vulvas aus weichem Gummimaterial mit vielen Öffnungen zum Anfassen schafft. Damit ist der Roman auch durch seinen Titel programmatisch, also ein Thesenroman, ohne jedoch in einer bloßen Verherrlichung lesbischer sexueller Perversionen zu enden. Der Roman bezieht sich in dreierlei Hinsicht auf das Thema ‚Freiheit, Befreiung, Befreiungsbewegungen der 90er Jahre’: in der Darstellung männerfreier Beziehungsformen, in der pornographischen Darstellung sexueller Akte, und in der hedonistischen Bejahung sexueller Perversionen als ethisch neutraler Bestandteile des sexuellen Lebensstils. Dazu gehört die Beschreibung des weiblichen Lustorgans inklusive seiner Säfte, Gerüche und des weiblichen Orgasmus. Lesbische Liebe ist in ‚Sex ist die Antwort’ jedoch nicht ein idealisierter Gegenentwurf zu männlich geformten Mustern sondern ein selbstbestimmtes Chaos der Liebe jenseits der heterosexuellen Tradition.

Ich springe jetzt zehn Jahre weiter zu meinem eben erschienenen Roman, ‚Chaosgirl’. SM ist nicht die einzige Form sexueller Transgression. In ‚Chaosgirl’ versuche ich, konventionelle Gender-Stereotypen zu relativieren und zwar in der Person des ‚Chaosgirls’ selbst. Vordergründig beschreibt der Roman die turbulenten Anfänge einer Liebesbeziehung zweier Frauen. Das ‚Chaosgirl’ ist Mutter zweier Kinder, mit all den Gefährdungen, die alte Verstrickungen noch mit sich bringen, Lügen, Eskamotagen. Nun erlebt sie die Hormonschübe des Verliebtseins, die große Wichtigkeit des Sex auch als Möglichkeit der Symbiose, und dass er trotz Anwesenheit der Kinder unaufschiebbar ist (er passiert daher an zumeist unüblichen, z.t. auch unfreundlichen Orten). Über all dem steht die Sehnsucht nach der großen Liebe und der intakten Beziehung. Besonders wichtig war es mir, die Figur von Anita, des Chaosgirls, zu inszenieren, die zwar Mutter ist und damit die gesellschaftlichen Anforderungen an Weiblichkeit erfüllt, gleichzeitig aber ein Verhalten und eine Körperlichkeit hat, die eher mit männlich konnotierten Mustern korreliert. Anita ist androgyn, klettert auf Bäume, ist mutiger und sportlicher als ihre eigenen Söhne, weist auch in der Institution, in der sie arbeitet, ein Hierarchien und Regeln abweisendes Verhalten mit zum Teil krimineller Energie auf. Das genau macht ihre Faszination aus, ist aber auch mit Angst besetzt, auch für ihre Partnerin Irene. Anitas „double gender identity“ wird von der Umwelt irritiert wahrgenommen und als chaotisch abgestempelt. Dennoch suggeriert die Koexistenz des Männlichen und des Weiblichen in der Figur, dass der Dualismus ‚Mann-Frau’ obsolet geworden ist.

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